Bewegungstherapie bei Polyneuropathie (durch Chemotherapie)

Wenn die Chemotherapie die Nerven schädigt

Das Schlimmste an der Chemotherapie sind für Patienten nach wie vor deren Nebenwirkungen, denn die Chemotherapie schädigt nicht nur Krebszellen, sondern auch gesunde Körperzellen. So wie bei manchen Patienten die Haare ausfallen, schädigt die Chemotherapie bei vielen Patienten die Nerven und verursacht eine Polyneuropathie. Wer darunter leidet weiß, dass die Polyneuropathie zu Schmerzen und Missempfindungen führt und nicht zuletzt die Tastwahrnehmung und die Muskelkraft reduziert. Dadurch kommt es zu schlechterer Kontrolle der Füße, man wird unsicher beim Gehen und stürzt häufiger. Mit neuen Methoden der Bewegungstherapie bei Polyneuropathie lässt sich das Gleichgewicht allerdings verbessern und Stürze vermeiden. Außerdem bewirkt das Training eine überraschende Verbesserung der Symptome.

Große Gefahr zu Stürzen

Gerade wer bereits unter einer schweren Erkrankung leidet, sollte natürlich nicht stürzen und sich dabei weitere Verletzungen zuziehen. Das gilt insbesondere bei Krebs, denn wer daran leidet hat ohnehin häufig eine verringerte Knochendichte, was das Risiko für Brüche erhöht oder eine geringe Zahl an Blutplättchen, wodurch es zu schweren Blutungen kommen kann.

Polyneuropathie führt zu verschlechtertem Gleichgewicht

Während meiner Arbeit an der Universitätsklinik Freiburg untersuchten wir Patientinnen und Patienten, die mit nervenschädigenden Chemotherapeutika behandelt wurden. Es zeigte sich, dass ihre Gleichgewichtsfähigkeit eingeschränkt und ihr Sturzrisiko erhöht waren. In anderen Studien fand man heraus, dass die Wahrscheinlichkeit zu stürzen mit jeder Gabe nervenschädigender Chemotherapeutika steigt.
Es gibt allerdings Methoden, um das verschlechterte Gleichgewicht wieder zu verbessern oder von vornherein zu verhindern, dass man wackeliger wird.

Gleichgewichtstraining senkt die Sturzgefahr

Bereits seit Jahren wird Gleichgewichtstraining mit Senioren durchgeführt, wodurch die Sturzraten wesentlich sinken. Interessanterweise nutzen Hochleistungssportler die gleichen Methoden, um sich vor Verletzungen zu schützen. Dabei werden Positionen eingenommen, in denen es schwierig ist, das Gleichgewicht zu halten. Mit der Zeit wird man dabei deutlich besser und stürzt seltener, denn: Je besser das Gleichgewicht, desto sicherer der Stand. Auf diese Weise können auch Sie Ihr Sturzrisiko reduzieren.

Ein kleiner Gleichgewichtstest

Sicher interessiert es Sie zu wissen, wie gut Ihr Gleichgewicht ist und ob Sie bereits unter erhöhtem Risiko leiden. Dazu gibt es einen ganz einfachen Test:
Stehen Sie mit geschlossenen Beinen, wobei sich die Füße berühren. Wer unter Nervenschäden in den Beinen leidet, hat häufig hier schon Probleme, was auf ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko hinweist.
Nehmen Sie jetzt den sogenannten Tandemstand ein. Setzen Sie dazu einen Fuß direkt vor den anderen, so dass Ferse und Großzehe sich berühren. Versuchen Sie 30 Sekunden so stehen zu bleiben. Wenn Ihnen das gelingt versuchen Sie, auf einem Bein zu stehen und auch so 30 Sekunden stehenzubleiben.

Wem es nicht gelingt mindestens 30 Sekunden auf einem Bein zu stehen, sollte von einem erhöhten Sturzrisiko ausgehen und dementsprechend vorsichtig sein.

Bewegungstherapie bei Polyneuropathie

Wenn Sie Schwierigkeiten bei diesem Test hatten, gibt es vielfältige Übungen um Ihr Gleichgewicht zu verbessern. Eine Möglichkeit ist, einfach die Positionen des Tests einzunehmen und immer wieder zu versuchen, Ihr Gleichgewicht länger zu halten. Allerdings ist es wichtig auch Übungen durchzuführen, bei denen Sie das Gleichgewicht während des Gehens und insbesondere auch unter Ablenkung zu halten lernen. Denn im Alltag werden Sie nicht stürzen, wenn Sie sich darauf konzentrieren das Gleichgewicht zu halten. Gefährlich wird es dann, wenn Sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind oder beispielsweise im Alltag in Hektik sind. Und genau für diese Situationen müssen Sie sich mit speziellen Übungen vorbereiten. Diese finden Sie zum Beispiel in meiner Übungsanleitung "Sicher und souverän gehen. stehen, leben!".

Auch die Symptome der Polyneuropathie verbessern sich

Ein solches Training scheint allerdings nicht nur das Gleichgewicht zu verbessern. In verschiedenen Studien mit Diabetikern und inzwischen auch mit Chemotherapiepatienten berichteten Studienteilnehmer mit Polyneuropathie nach dem Training, dass sich Ihre Symptome verbessert hatten. In einer Studie an der Universität Freiburg verschwanden die Symptome der Polyneuropathie bei 87% der Patienten die trainierten, während keiner der Patienten, die nicht trainierten eine Verbesserung spürte. Wie genau diese Verbesserungen zustande kommen ist zwar noch nicht genau geklärt, man geht aber davon aus, dass das Gehirn lernt, die Nervenschäden auszugleichen und quasi aus den weniger werdenen Signalen mehr zu machen.

Sehr geringer Trainingsaufwand

Das Beeindruckendste an diesen Ergebnissen ist allerdings, dass sie mit sehr geringem Zeitaufwand erzielt wurden. Die Patienten übten ihr Gleichgewicht lediglich zweimal pro Woche für 8 Minuten. Hinzu kommt, dass diese Übungen noch nicht einmal sonderlich anstrengend sind. Denn wenn man das Gleichgewicht übt, beansprucht man vor allem das Gehirn und nicht die Muskeln. Deshalb ist kaum körperliche Anstrengung nötig.

Verbesserung des Gleichgewichts während der Chemotherapie

Die Teilnehmer an der gleichen Studie verbesserten außerdem Ihr Gleichgewicht deutlich, obwohl sie weiterhin Chemotherapie bekamen. Die Patienten der Kontrollgruppe hingegen verschlechterten sich so sehr, dass bei vielen gar keine Messungen mehr möglich waren, denn dazu hätten sie eine bestimmte Zeit lang zum Beispiel auf einem Bein stehen müssen, was sie einfach nicht mehr schafften.

Spezielles Balance Pad als Hilfsmittel

Für die Bewegungstherapie bei Polyneuropathie ist es wichtig, die richtigen Hilfsmittel zu haben. Für bestimmte Übungen ist es sinnvoll, ein Balance Pad zu verwenden. Das ist ein weiches Schaumstoffkissen, das für etwas Wackeln sorgt, wenn man sich darauf stellt. Wenn man damit übt, verbessert sich das Gleichgewicht schneller. Außerdem macht das Üben damit Spaß. Allerdings sollte man darauf achten ein Pad zu verwenden, das für die Bewegungstherapie bei Polyneuropathie angemessen ist. Denn die meisten Balance Pads sind für Sportler gemacht und wer schon Probleme hat, kann auf ihnen leicht ausrutschen oder stolpern. Deshalb habe ich das Bitzer Pad entwickelt. Es ist besonders schmal und flach, so dass man nicht darüber stolpern kann. Außerdem hat es eine erhöhte Rutschfestigkeit, damit man sicher darauf stehen kann.

Nicht zu anspruchsvoll sein

Auch wenn diese Effekte hervorragend sind, sollte man sich nicht zu sehr unter Druck setzen. Wenn Sie sich während einer Chemotherapie oder kurz danach überhaupt aufraffen und Übungen absolvieren, verdienen Sie bereits großen Respekt. Und wenn Sie es nur schaffen, Ihr Gleichgewicht so zu erhalten wie es ist oder die Verschlechterung sich in Grenzen hält, ist das bereits ein sehr großer Erfolg.

Das Balance Set bei Chemotherapie

Wenn Sie selbst ein Gleichgewichtstraining aufnehmen wollen empfehle ich, ein Set aus einem Bitzer Pad, einer Übungsanleitung und einem Übungsball zu bestellen. Damit können Sie problemlos selbständig trainieren und die Übungen in Ihren Alltag einbauen.