Erschöpfung bei Polyneuropathie

Erschöpfung bei Polyneuropathie ist häufig aber nicht sehr bekannt

Sehr viele Menschen, die an Polyneuropathie erkrankt sind, leiden außerdem noch an Erschöpfung und Müdigkeit. Dass dies mit der Erkrankung zusammenhängt ist vielen nicht bekannt und wird auch selten thematisiert. Wenn Sie selbst aufgrund von Polyneuropathie an Erschöpfung leiden wird Sie sicher interessieren, was die Ursachen dafür sind und was man dagegen tun kann.

Ich fasse deshalb die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen einiger wissenschaftlicher Arbeiten in diesem Artikel zusammen.

Die Ursachen der Erschöpfung bei Polyneuropathie zusammengefasst

Es gibt vielfältige Ursachen für die Erschöpfung bei Polyneuropathie. Häufig spielen mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle. Die wichtigsten Gründe für die Erschöpfung, die in wissenschaftlichen Studien genannt werden sind:

  1. Schlafprobleme
  2. Depressionen
  3. Muskuläre Überlastung
  4. Körperliche Inaktivität
  5. Nebenwirkungen von Medikamenten

Eine aktuelle Studie dazu können Sie hier nachlesen: Lawley et al. (2020)

Wie Polyneuropathie Erschöpfung auslöst

Verschiedene Ursachen

Bei einer so komplexen Erkrankung wie der Polyneuropathie gibt es keine einfachen Antworten. Die Krankheit verursacht zahlreiche unterschiedliche Probleme, die sich wiederum auf die Erschöpfung auswirken können. Deshalb gibt es nicht die eine Ursache für Müdigkeit und Erschöpfung bei Polyneuropathie, sondern viele die zusammenwirken. Bei jedem Patienten spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle und jeder benötigt unterschiedliche Methoden, um die Problematik zu verbessern. Allerdings gibt es einige Faktoren, die sich häufig wiederholen und die man meist in Betracht ziehen sollte.

1. Schlafprobleme

Da viele Patienten Schmerzen und Missempfindungen aufgrund der Polyneuropathie haben schlafen sie schlecht. Hinzu kommt, dass sich die Symptome nachts oft noch verstärken bzw. stärker wahrgenommen werden. Eine meiner Patientinnen berichtete mir zum Beispiel, dass sie seit Jahren jeden morgen um 4:30 Uhr aufwacht, weil ihre Fersen beginnen zu schmerzen. Und das obwohl Sie tagsüber an dieser Stelle keine Schmerzen hat.

Es ist klar, dass man mit Schmerzen schlechter schläft. Deshalb ist es, wenn man an Erschöpfung leidet besonders wichtig, passende Schmerzmittel zu erhalten. Falls die Symptome tagsüber weniger schlimm sind kann es sinnvoll sein, Schmerzmittel nur direkt vor dem Schlafengehen zu nehmen.

Ich weiß, dass es viele Menschen mit Polyneuropathie gibt, bei denen kein Schmerzmittel wirkt. In solchen Fällen kann man den Arzt darauf ansprechen, ob Schlafmittel sinnvoll sind.

Außerdem gibt es weitere Methoden, die die Schmerzen reduzieren können außer Medikamenten. Eine ausführliche Anleitung dazu finden Sie im folgenden Artikel: Schmerzen bei Polyneuropathie und was Sie dagegen tun können. Die Patientin von der ich eben erzählte berichtete mir, dass durch eine Massage der Fußsohlen und Waden die Schmerzen an Ihrer Ferse zumindest etwas reduziert wurden.

2. Schlechte Stimmung und Depressionen

Wer an Polyneuropathie leidet hat manchmal gute Gründe, traurig zu sein. Die psychische Verfassung ein Faktor, der die Erschöpfung stark beeinflussen kann. Wer an Traurigkeit oder sogar einer echten Depression leidet, fühlt sich oft zusätzlich erschöpft. Ausgeprägte Tages-Müdigkeit ist sogar ein diagnostisches Kriterium für Depressionen. Deshalb sollte man bei Erschöpfungssymptomen bei Polyneuropathie auch acht darauf geben, nicht in eine depressive Stimmungslage zu geraten. Natürlich ist das leicht daher gesagt, da niemand gerne traurig ist und sich jeder gerne besser fühlen würde. Um hilfreiche Informationen zur Selbsthilfe bei Depressionen geben zu können, sprach ich mit Dr. med. Adrian Schweinoch, Facharzt für Psychiatrie an einer psychiatrischen Klink in Neuss.

Laut Dr. Schweinoch ist eine Empfehlung für den Alltag: „Wichtig ist, sich insbesondere über eine längere Zeitdauer nicht zu sehr zurückzuziehen! Dies kann zu einem Teufelskreis der Depression führen, was bedeutet, dass die Stimmung hierdurch negativ beeinflusst wird und man sich infolgedessen noch mehr zurückzieht! Wichtig ist, aktiv zu bleiben, auch wenn dies manchmal schwierig erscheint!

Besonders der Kontakt mit anderen Menschen ist laut Dr. Schweinoch entscheidend:

"Wenn man allein zu Hause sitzt, nehmen Probleme - auch die Symptome der Polyneuropathie- viel mehr Raum ein als wenn man den Fokus auf positive Erlebnisse und Aktivitäten zu setzen versucht.
Ferner betont Dr. Schweinoch die Wichtigkeit von körperlicher Aktivität:
"Bewegungsmangel kann einen wesentlichen Einfluss auf die Stimmungslage haben und somit depressive Verstimmungen begünstigen, deshalb spielen Sporttherapie und die Motivation zu regelmäßiger Bewegung eine wichtige Rolle in der Behandlung von Depressionen!"

3. Überlastete Muskulatur

Jeder weiß, dass man sich erschöpft fühlt, wenn man sich körperlich stark angestrengt hat. Was nicht so offensichtlich ist, ist dass Menschen mit Polyneuropathie oft andauernd körperliche Schwerstarbeit leisten - oft ohne es zu merken.
Wenn man an Polyneuropathie leidet verringert sich oft die Muskelkraft, weil die geschädigten Nerven alle Muskelfasern nicht mehr so gut aktivieren können. Das führt dazu, dass die Muskelfasern, die noch erreicht werden, mehr Arbeit leisten müssen. Dementsprechend kommt es schneller zu Überlastungen dieser Muskelfasern. Außerdem verändern sich aufgrund der Erkrankung die Bewegungsmuster. Man kann nicht mehr so gut und lässig gehen wie früher und gewöhnt sich deshalb Ausgleichsbewegungen an, die häufig belastender sind als frühere Bewegungsmuster.

Wenn ich die Muskeln meiner Patienten untersuche stelle ich deshalb sehr häufig überlastete Muskeln fest. Man merkt das insbesondere daran, dass die Muskeln verhärtet und verkürzt sind, insbesondere im Unterschenkel und den Füßen. Die Patienten merken das aber oft selbst nicht, denn die Wahrnehmung dieser Körperteile ist ja aufgrund der Polyneuropathie verschlechtert. Der Körper nimmt die dauernde Überlastung aber sehr wohl wahr und meldet sie in Form von Erschöpfung.

Wer mehr Muskelkraft hat leidet deshalb oft auch an weniger Müdigkeit. Eine Arbeitsgruppe um Andrew Lawley von der Aston Universität in Birmingham sowie eine Arbeitsgruppe umd Johannes Bussmann von der Universitätsklinik Rotterdam stellten diesen Zusammenhang auch statistisch fest: Wer mehr Muskelkraft hatte hatte in ihren Untersuchungen auch weniger Probleme mit Müdigkeit.
Die Studien können Sie hier nachlesen: Lawley et al. (2020) Bussmann et al. (2007).

Um die Überlastung der Muskeln zu reduzieren ist es zum einen wichtig, die Muskeln aktiv zu entspannen. Dies kann durch Massage und Dehnung geschehen. Außerdem kann man es durch Training der Koordination schaffen, die Bewegungsmuster wieder kraftsparender zu machen und so die Muskelüberlastung zu reduzieren. Zusätzlich kann gezieltes Krafttraining die Muskeln stärken und es Ihnen erleichtern, den Alltag ohne Überlastung zu bewältigen.

Übungen dazu sowie eine Anleitung zu Massage und Dehnung bei Polyneuropathie finden Sie hier:

4. Körperliche Inaktivität

Ein weiterer Faktor, der laut wissenschaftlicher Studien eine bedeutende Rolle für die Erschöpfung spielt ist die körperliche Aktivität. Wer sich mit gesundem Maß viel bewegt, hat auch weniger Erschöpfungssymptome. Wer hingegen inaktiv ist, leidet auch an mehr Müdigkeit. Dies ist in der Sportwissenschaft seit langem bekannt. Es gab bereits vor Jahrzehnten Untersuchungen in denen belegt wurde, dass körperliche Aktivität chronische Müdigkeit verbessern kann.

In einer Studie der Universitätsklinik Rotterdam wurde untersucht, ob sich die Erschöpfung bei Patienten mit chronisch inflammatorischen Polyneuropathie verbessern würde, wenn sie ein Bewegungsprogramm aufnehmen. 20 Patienten trainierten dazu 3x45min pro Woche für 12 Wochen auf Fahrradergometern. Bevor das Training begann und nach dem Ende der 12 Wochen Training wurden Sie zu ihren Erschöpfungssymptomen befragt. Nach dem Training berichteten sie von 20% weniger Erschöpfung. Die Studie aus der Fachzeitschrift Neurology können Sie hier nachlesen: Garssen et al. (2004)

Selbstverständlich ist es für Menschen mit Polyneuropathie nicht so einfach wie für Gesunde, sich körperlich zu betätigen. Ausführliche Informationen zu Trainingsmethoden und dazu, welche Sportarten empfehlenswert sind finden Sie hier:

5. Nebenwirkungen von Medikamenten

Medikamente, die gegen die Schmerzen bei Polyneuropathie eingesetzt werden können als Nebenwirkung häufig Müdigkeit und Benommenheit auslösen. Bei Pregabalin, das bei Polyneuropathie sehr häufig eingesetzt wird, berichten bis zu 10% der Patienten von solchen Symptomen.

Außerdem können Wechselwirkungen von Medikamenten ebenfalls solche Symptome bewirken. Eine meiner Patientinnen berichtete über starke Probleme mit Müdigkeit, Benommenheit und Schwindel. Sie stürzte auch wiederholt und verletzte sich dabei. Bei einem Krankenhausaufenthalt nach einem Sturz wurde ihre Medikamentendosis wesentlich reduziert, Müdigkeit und Schwindel verschwanden.

Es gilt bei Medikamenten, insbesondere bei den Schmerzmitteln also abzuwägen, ob der Nutzen oder die negative Nebenwirkungen schwerer wiegt. Dies ist keine einfache Entscheidung und für jeden einzlnen Patienten unterschiedlich.

Einige Ansatzpunkte

Wie Sie sehen gibt es einige Ansatzpunkte, um etwas gegen Müdigkeit und Erschöpfung zu tun. Allerdings gibt es kein Patentrezept, das bei allen Patienten auf die gleiche Weise hilft.

Wichtig ist allerdings, sich nicht einfach in sein Schicksal zu ergeben und die Probleme einfach hinzunehmen. Wie Sie sehen gibt es zwar einige Möglichkeiten zur Selbsthilfe. Wenn Sie an Müdigkeit und Erschöpfung leiden sollten Sie allerdings auch Ihren Arzt darauf ansprechen.