Ein neues Training für die Nerven?

Bisher gibt es keine Hoffnung bei Polyneuropathie

Als Therapeut bin ich dauernd auf der Suche nach neuen Ansätzen zur Therapie der Polyneuropathie. Insbesondere nach Methoden, wie man die Regeneration der Nerven einleiten kann. Ich möchte hier eine Erfolgsgeschichte mit einer neuen Methode erzählen.

Wer an Polyneuropathie leidet, dem konnte ich bisher nur sagen, wie man trainieren kann um trotz der Erkrankung einigermaßen fit zu bleiben. Eine Methode zur Nervenregeneration war bisher nicht bekannt. Die einzige Methode die mir bisher bekannt war, die den Patienten half war das Gleichgewichtstraining. Damit lernt das Nervensystem zu einem gewissen Grad, die Schäden auszugleichen. Dadurch wird das Gehen besser und die Schmerzen häufig weniger.

Hier finden Sie eine ausführliche Übungsanleitung für das Gleichgewicht: Übungen bei Polyneuropathie

Dadurch wueden die Nerven aber nicht wieder geheilt. Man lernt lediglich, die Nervenschäden zu kompensieren.

Ein neuer Ansatz, um die Nerven wieder anzuregen

Seit einiger Zeit weiß man allerdings, dass unser Körper Stoffe produzieren kann, die mehr Nervenzellen und Synapsen wachsen lassen. Diese hängen interessanterweise eng mit der Blutversorgung zusammen. Es handelt sich um Wachstumsfaktoren, die dann ausgeschüttet werden, wenn das Gewebe zu schlecht durchblutet wird. Diese Signalmoleküle regen das Wachstum von Blutgefäßen an. Interessanterweise regen Sie allerdings auch das Wachstum von Nervenzellen an, beziehungsweise sie schützen die Nerven vor Sauerstoffmangel.

Eine Vielzahl an Wachstumsfaktoren hilft, Nerven wachsen zu lassen

Zu diesen Wachstumsfaktoren zählt EPO, das sonst für die Bildung roter Blutkörperchen bekannt ist, VEGF (Vaskular Endothelial Growth Factor), das eigentlich mehr Arterien und Venen wachsen läßt, HIF (Hypoxie-induzierter Faktor), das Nerven vor Sauerstoffmangel schützt und BDNF (Brain derived neurotrophic factor), das Nerven zum Wachsen anregt.

Wenn in einem Körperteil zu wenig Blut ankommt, dann werden diese Signalmoleküle produziert. Sie sorgen dafür, dass es in Zukunft besser durchblutet wird und dass die Nerven in diesem Gewebe geschützt werden, beziehungsweise, dass neue Nervenenden wachsen.

Seit Jahren wird deshalb diskutiert und erprobt, ob diese Moleküle einen positiven Effekt auf das Nervensystem haben. Es wurde sogar bereits nachgewiesen, dass durch ein Training, das zur Ausschüttung dieser Signalmoleküle führt die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert werden kann. Die Funktion des Gehirns (also des Nervensystems) wird dadurch also offenbar verbessert. (Hier finden Sie eine Studie von der Uni Magdeburg zum Thema: Schega et al. 2013)

Den Blutfluss gezielt kurzzeitig einschränken

Diesen Effekt können wir uns zunutze machen, indem wir gezielt die Durchblutung in einem Teil des Körpers für eine gewissen Zeit beschränken.

Dies ist eine seit langem bekannte Methode, die in Japan bereits seit den 50er Jahren im Krafttraining angewandt wird. Man nimmt dazu eine spezielle aufblasbare Manschette und legt sich diese um das Bein oder den Oberarm. Die Manschette wird nun bis zu einem bestimmten Druck aufgeblasen und drückt auf die Blutgefäße. Dadurch bremst sie den Blutfluss.

Wenn man nun die Muskeln im weniger durchbluteten Bereich betätigt, so merkt der Körper, dass die Durchblutung zu gering ist und reagiert indem er die genannten Signalmoleküle produziert, die für bessere Blutversorgung sorgen - und für Nervenwachstum.

In der Praxis getestet

Diese Wirkung wollte ich mir nun zunutze machen und probierte mit einer Patientin mit Polyneuropathie dieses Training aus. Mit dieser Patientin trainiere ich schon seit Jahren mit den klassischen Methoden, um Ihre Fähigkeit zu gehen zu erhalten.

Sie klagte seit ich sie kannte über ständige Schmerzen der Zehen. Um genau zu wissen, ob das Training ihr dagegen half, maß ich nach, wie druckempfindlich ihre Zehen waren. Ich nahm dazu ein Druckmeßgerät und drückte auf ihre Zehen. Sobald die Patientin mir sagte, der Druck beginne zu schmerzen, notierte ich den Druck. Ich hatte also die Schmerzgrenze schwarz auf weiß.

Außerdem ließ ich die Patientin so fest sie konnte mit dem Fuß gegen das Druckmessgerät drücken, um ihre Kraft zu testen.

Danach trainierte ich vier mal mit ihr. Dabei absolvierte Sie für etwa 20 Minuten Übungen für die Beinmuskeln.

Die Ergebnisse waren schon nach zwei Wochen überraschend gut! Alle Zehen hielten deutlich mehr Druck aus, bevor Schmerzen auftraten (z.B 43,5 N statt 26,8 N an der Großzehe). Die Schmerzgrenze hatte sich also verschoben!

Fast noch beeindruckender war die Kraftsteigerung. Nach nur zwei Wochen drückte Sie mit dem rechten Bein 22,5 kg statt 14,9 kg und auch links hatte Sie sich von 14,9 kg auf 16,5 kg gesteigert. Eine so bemerkenswerte Kraftsteigerung nach nur vier mal Training wäre schon für einen jungen, gesunden Bodybuilder außergewöhnlich.

Man muss dabei bedenken, dass diese Form des Trainings mit extrem geringen Lasten auskommt. Die Patientin konnte das gesamte Training in einem Sessel sitzend absolvieren. Mit Ihrer Krankheit wäre ihr ein klassisches Krafttraining hingegen unmöglich gewesen. Das Training mit eingeschränktem Blutfluß ist aber bereits wirksam, wenn man nur sehr leichte Übungen macht. Dieses Training ist zwar anstrengend, es birgt aber eine sehr geringe mechanische Last und kann deshalb auch mit sehr schwachen Menschen durchgeführt werden.

Regenerieren sich die Nerven?

Wie Sie sehen hat sich die Kraft also wesentlich verbessert, die Schmerzen sind ebenfalls wesentlich weniger geworden. Eine so starke Verbesserung lässt die Vermutung zu, dass das Training mit Blutflussrestriktion zu Anpassungen der Nerven geführt hat. Dass reguläres Krafttraining, auch ohne Blutflussrestriktion, nicht nur die Muskeln selbst, sondern auch die Nervenenden in den Muskeln trainiert ist seit langem bekannt. Man nennt das das Training der Intramuskulären Koordination. Wenn man zum Beispiel Krafttraining mit sehr hohen Widerständen betreibt, reagiert der Körper, indem eine Anpassung der Nerven in den Muskeln stattfindet. Die Nerven, die die einzelnen Muskelfasern aktivieren, bilden mehr Nervenenden aus und können in der Folge mehr Muskelfasern gleichzeitig aktivieren. Dadurch wird man stärker, ohne dass die Muskeln dicker werden. Im Fall der Polyneuropathie bedeutet dies, dass man trotz der Krankheit mehr Muskelfasern aktivieren, und dadurch trotz mehr Kraft aufbringen kann.

Man kann annehmen, dass genau dieser Effekt bei meiner Patientin eingesetzt hat und sie deshalb in so kurzer Zeit so viel stärker wurde. Offenbar wurde die Intramuskuläre Koordination durch das Blutfluss-Restriktions-Training stärker verbessert als durch normales Training bei ihr möglich war. Man kann sogar vermuten, dass dadurch sogar eine Regeneration der geschädigten Nerven stattfand. Das ist allerdings bisher nur eine Spekulation und muss wissenschaftlich überprüft werden. Bis dahin freue ich mich, eine Methode zu haben, mit der trotz der Polyneuropathie jedenfalls die Muskelkraft verbessert werden kann.

Übrigens scheint sich bei meiner Patientin nicht nur körperlich etwas verbessert zu haben. Als ich nach dem vierten Training zu ihr kam, um erneut die Messung durchzuführen, sagte sie auf die Frage, wie es ihr gehe zum ersten mal „mal so mal so“, nachdem Sie seit einem Jahr immer nur entgegnet hatte: „beschissen“

Probieren Sie es selbst aus!

Falls Sie selbst an Polyneuropathie leiden und durch körperliches Training trotzdem fit bleiben wollen berate ich Sie gerne. Sie können mich dazu gerne unverbindlich anrufen oder mir schreiben.

Sie können außerdem ein Trainingsset für das Blutfluss-Restriktions-Training von mir bekommen. Allerdings ist es wichtig, zunächst über das Training zu sprechen und zu sehen, ob es in Ihrem speziellen Fall sinnvoll ist.

Christian Bitzer Profil

Christian Bitzer

M.A. Sportwissenschaft
Sporttherapeut (DVGS)
Inhaber von Bitzer Sporttherapie

Tel. 0176 66 86 91 51
Bitzer.Sporttherapie@gmail.com


Christian Bitzer