Sport und Polyneuropathie

Hilft Sport bei Polyneuropathie?

Sport hilft bei einer Vielzahl von Krankheiten. Bei beinahe jeder chronischen Erkrankung nutzt er in irgendeiner Form.

Gilt dies aber auch für Sport bei Polyneuropathie? Lassen sich Nervenschäden mit Sport verbessern?

Welche Art von Sport wirkt auf welche Weise und welche Bewegung ist besonders wichtig bei Polyneuropathie?

Diese Fragen möchte ich in diesem Artikel beantworten.

Darf ich überhaupt noch Sport machen?

Viele fragen sich außerdem, ob ihr Körper überhaupt noch dazu in der Lage ist, Sport zu betreiben, wenn sie an Polyneuropathie leiden.

Die Antwort ist ja, je mehr Sie sich bewegen, desto besser! Allerdings müssen einige Dinge beachtet werden. Insbesondere Stürze und Verletzungen stellen eine große Gefahr für Menschen mit Nervenschäden dar. Deshalb sollte man sie nach Möglichkeit vermeiden. Wie das geht erfahren Sie ebenfalls in diesem Artikel.

Ausdauersport und Polyneuropathie

Ausdauertraining ist mit einer unglaublichen Vielzahl an positiven Wirkungen auf die Gesundheit verbunden. Die Blutgefäße, Zucker- und Fettstoffwechsel, selbst das Immunsystem und die Psyche profitieren von Ausdauersport.

Deshalb sollten auch Menschen mit Polyneuropathie nicht darauf verzichten. Wer sich aufgrund der Polyneuropathie schont statt aktiv zu bleiben, wird bald schon mit den negativen Folgen des Bewegungsmangels zu kämpfen haben.

Dennoch kann man natürlich nicht einfach drauflos sporteln wie wenn nichts wäre.

Stürze aufgrund der Polyneuropathie vermeiden

Die wichtigste Einschränkung beim Sport stellt die verschlechterte Bewegungssteuerung durch die Polyneuropathie dar. Wer schlechter funktionierende Nerven hat, der kann auch seine Muskeln und Gelenke schlechter wahrnehmen und steuern.

Dementsprechend braucht man etwas länger, um auf Störungen wie zum Beispiel Stolpern zu reagieren. Deshalb hat man ein höheres Risiko zu stürzen und sich dabei zu verletzen.

Dies ist nicht nur dann wichtig, wenn Sie (Sturz-)Risikosportarten wie Ballsport, Skifahren oder zum Beispiel Inline Skating betreiben möchten. Auch beim Jogging und Walking hat man als Polyneuropathiepatient eine größere Gefahr zu stürzen.

Der beste Schutz vor Stürzen und Verletzungen bei Polyneuropathie ist ein gutes Gleichgewicht

Um sich vor Verletzungen und Stürzen zu schützen, ist es beim Sport mit Polyneuropathie selbstverständlich wichtig, etwas mehr Vorsicht walten zu lassen.

Das heißt es ist sinnvoll, möglichst gutes Schuhwerk zu tragen und nur Strecken auszuwählen, die einen nicht überfordern. Wenn man gerade ein neues Training beginnt, sollte man auch nicht unbedingt alleine trainieren, sondern Trainingspartner mitnehmen, die einem im Notfall helfen können.

Allerdings ist es auch entscheidend, sich nicht zu wenig zuzutrauen. Wer sich nur noch schont und keinen Herausforderungen mehr stellt, wird bald auch zu immer weniger fähig sein.

Der allerbeste Schutz vor Verletzungen und Stürzen sind Ihre eigenen Fähigkeiten. Und die werden besser, je mehr Sie üben und je besser Sie trainiert sind.

Gleichgewichtstraining ist bei Polyneuropathie besonders wichtig um Verletzungen zu Verhindern

Eine gute Koordination und ein gutes Gleichgewicht sind dafür entscheidend. Wer das Gleichgewicht gut halten kann, stürzt seltener. Wenn man zum Beispiel mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen kann ist die Sturzgefahr wesentlich geringer, als wenn man bereits beim normalen Stehen schwankt.

Wer ein gutes Gleichgewicht hat, stürzt seltener und verdreht sich seltener Gelenke oder erleidet seltener Knochenbrüche.

Die gute Nachricht daran: Das Gleichgewicht ist gut trainierbar, auch und insbesondere bei Menschen mit Polyneuropathie. Das heißt, wenn Ihr Gleichgewicht jetzt schlecht ist, läßt es sich durchaus wieder verbessern.

Wenn Sie im Moment aufgrund der Polyneuropathie ein schlechtes Gleichgewicht haben, profitieren Sie ganz besonders von einem Training. Denn insbesondere, wenn Sie gerade ganz schwach sind, lässt sich durch ein Training viel erreichen. Ein gutes Training kann den Unterschied zwischen normalem Gehen und dem Rollator machen!

Das Nervensystem trainieren statt die Muskeln

Denn wenn man das Gleichgewicht trainiert, muss man dauernd auf kleine Schwankungen des Körpers angemessen reagieren. Das heißt der Körper muss dauernd sehr genau wahrgenommen und auf Störungen reagiert werden.

Wenn man so trainiert, verbessert man damit die Funktion des Nervensystems. Man trainiert also genau das, was durch die Polyneuropathie schlechter wird: Den Körper genau wahrzunehmen und Bewegungen präzise zu steuern.

Das heißt, je besser Ihr Gleichgewicht ist, desto weniger wird die Polyneuropathie Sie beeinträchtigen. Das Training des Gleichgewichts hilft übrigens auch etwas gegen Schmerzen und Missempfindungen durch die Polyneuropathie. Das Nervensystem lernt durch das Training die Nervenschäden zu einem gewissen Grad auszugleichen. Und dadurch bessern sich die Symptome der Polyneuropathie.

Eine ausführliche Erklärung zu Gleichgewichtsübungen speziell bei Polyneuropathie finden Sie hier:

Hilft Ausdauersport bei Polyneuropathie?

Das heißt, Gleichgewichtstraining hilft gegen die Einschränkungen durch die Polyneuropathie.

Aber hilft auch reines Ausdauertraining direkt den Nerven, also gegen die Polyneuropathie?

Natürlich wurde bereits ausprobiert und untersucht, ob die Nerven vom Ausdauersport profitieren. Dabei zeigte sich, dass das Ausdauertraining tatsächlich einen Effekt auf die Nerven hat. Wer Ausdauertraining betreibt, verlangsamt das Fortschreiten der Polyneuropathie ein wenig. Allerdings ist dieser Effekt recht klein und im Alltag kaum spürbar.

Wird das Ausdauertraining allerdings gleichzeitig mit einem Gleichgewichtstraining durchgeführt, ergänzen sich die beiden Trainings gegenseitig, man erhält dann deutlich bessere Effekte auf die Polyneuropathie. Das Training nutzt dann also doppelt: Die Polyneuropathie wird besser oder verschlechtert sich langsamer und gleichzeitig verbessert sich die allgemeine Fitness.

Hilft Ausdauersport bei Polyneuropathie?

Krafttraining und Polyneuropathie

Dass es von Vorteil ist starke Muskeln zu haben, ist für jeden offensichtlich. Allerdings gilt das bei Polyneuropathie doppelt und zwar aus einer Vielzahl an Gründen:

Starke Muskeln machen auch starke Knochen. Wenn die Muskeln arbeiten, ziehen sie an den Knochen. Dadurch bewirken sie einen leichten Stress. Der Knochen reagiert darauf, indem er mehr Clacium einbaut. Dadurch wird der Knochen fester - und das auch noch an den richtigen Stellen. Die Struktur des Knochens, die Knochenbälkchen, wird also stabiler und bruchfester.

Das heißt, wer starke Muskeln hat, übersteht Stürze und Unfälle eher unbeschadet als ein Mensch mit schwachen Muskeln. Und dies ist besonders wichtig, wenn Sie an Polyneuropathie leiden, da Sie ja leider häufiger stolpern und ein höheres Risiko zu stürzen haben.

Dieser Effekt auf die Knochen tritt übrigens nur durch mechanische Beanspruchung ein. Es reicht nicht aus, eine Ernährung mit viel Calcium zu haben. Denn der Reiz, der den Knochen dazu bringt das Calcium einzubauen, ist der mechanische Stress, also der Zug und Druck, den die Muskeln ausüben. Das heißt: ohne Kraftanstrengung keine festen Knochen!

Die aufgewandte Kraft muss übrigens groß genug sein. Um die Knochenfestigkeit zu steigern, müssen mindestens 70% der Maximalkraft aufgewandt werden. Das heißt zum Beispiel, ein Gewicht zu heben, das man höchstens 10-12 mal heben kann. Wenn Sie mit leichten Gewichten Kraftübungen betreiben, werden die Knochen davon leider kaum profitieren.

 

Geschädigte Nerven erreichen weniger Muskelfasern

Ein häufiges Problem bei Polyneuropathie ist, dass die Nerven nicht mehr alle Muskelfasern erreichen. Denn jede Muskelfaser hat ihr eigenes Nervenende. Dieses aktiviert die Muskelfaser und löst so Bewegungen aus. Ohne Nerven gibt es auch keine Muskelarbeit! Bei vielen Polyneuropathiepatienten können die Nerven allerdings nicht mehr alle Muskelfasern erreichen.

Das schränkt natürlich auch die Kraft ein, denn ein Muskel in dem nur wenige Muskelfasern arbeiten, ist natürlich schwächer.

Allerdings lässt sich auch dies trainieren.

Wenn ein Muskel trainiert wird, bewirkt dies nicht nur eine Anpassung der Muskelfasern selbst, sondern auch der Nerven, die diesen Muskel ansteuern. Auch beim Gesunden arbeiten interessanterweise nicht alle Muskelfasern auf einmal, lediglich etwa 60 % können überhaupt gleichzeitig aktiviert werden.

Dieser Prozentsatz erhöht sich, wenn man Krafttraining betreibt. Krafttraining erhöht also die Anzahl an Muskelfasern, die gleichzeitig arbeiten. (Das ist die berühmte Intramuskuläre Koordination). Dadurch steigt die Kraft der Muskulatur, ohne dass die Muskeln größer werden. Das ist auch der Grund, warum manche zierlich wirkenden Menschen große Kraft aufbringen können: Sie sind einfach besser darin, ihre Muskelfasern koordiniert anzusteuern.

Im Leistungssport wären das zum Beispiel Skispringer oder Kletterer. Sie müssen für ihre Sportarten möglichst leicht sein, sollten also keine Muskelberge mit sich herumschleppen, benötigen aber trotzdem viel Kraft. Diese Sportler wenden dafür ein spezielles Training an, das auch Sie sich zunutze machen können.

Durch Krafttraining mehr Muskelfasern aktivieren

Es ist nämlich durchaus auch trotz Polyneuropathie möglich, durch ein Krafttraining zu "lernen", mehr Muskelfasern anzusprechen. Dadurch steigt die Muskelkraft trotz der Polyneuropathie. Wichtig ist auch hier, genügend Widerstand zu bewegen. Denn das Nervensystem passt sich nur dann an, wenn man eine Kraft aufbringt, die an der Grenze der persönlichen Leistungsfähigkeit liegt.

Wenn es Ihr Gesundheitszustand zulässt sollten Sie deshalb Übungen durchführen, die möglichst große Widerstände bieten. Zum Beispiel Dinge, die Sie gerade ein- bis zweimal schaffen. Dieses sogenannte Maximalkrafttraining hat den größten Effekt auf das Nervensystem. Außerdem dauert die Anstrengung nur wenige Sekunden, was vielen Menschen entgegen kommt.

Aber auch mit sanfterem Krafttraining ist trotz Polyneuropathie eine wesentliche Steigerung der Muskelkraft möglich. Es ist in aller Regel machbar, die Kraft um 30-50% zu erhöhen. Es gibt auch Menschen, die ihre Kraft durch ein regelmäßiges Training verdoppeln. So viel stärker zu sein erleichtert den Alltag natürlich ungemein.

Im Schaubild rechts sehen Sie die Kniebeugenleistung eines meiner Patienten mit schwerer Polyneuropathie im Alter von 91 Jahren. Er schaffte es, die Anzahl an Kniebeugen, die er an einem Stück absolvierte in 5 Wochen von 15 auf 33 zu steigern. Das ist mehr als das Doppelte. Alles was er dazu brauchte war etwas Übung und: Das Wissen, dass das überhaupt möglich ist. Denn viele denken, sie seien zu krank oder zu alt um ihre Kraft zu steigern. Wie Sie sehen, wirkt das Training aber auch noch im hohen Alter und trotz der Polyneuropathie.

Krafttraining wirkt auch im hohen Alter

Krafttraining trotz Polyneuropathie

Die Kraft lässt sich auch mit Polyneuropathie noch steigern

Übrigens habe ich diesen Patienten nicht als Beispiel ausgewählt, weil er außergewöhnlich gut ist, sondern deshalb, weil diese Verbesserung normal ist, wenn man regelmäßig übt.

Selbstverständlich sind diesem Trainingseffekt natürliche Grenzen gesetzt, die auch von der Schwere der Polyneuropathie abhängen. Denn wenn der Nerv, der eine Muskelfaser versorgt garnicht mehr funktioniert, kann er natürlich auch keine Muskelarbeit und keinen Trainingseffekt mehr bewirken. In diesem Fall ist es aber möglich, die verbliebenen Nerven und Muskelfasern zu trainieren und trotzdem die Kraft zumindest zu erhalten.

 

 

Starke Muskeln gleichen bei Polyneuropathie die Schwächen an anderer Stelle aus

Für sehr viele Probleme des Alltags findet man neue Lösungen, wenn die alten nicht mehr funktionieren

Schaffen Sie es zum Beispiel nicht mehr, mit den Waden viel Kraft aufzubringen, können die Oberschenkel stattdessen mehr Arbeit übernehmen. Dazu müssen die Oberschenkel natürlich stark genug sein. Man benötigt also starke Muskeln an vielen Stellen um trotz Polyneuropathie gut zurecht zu kommen.

Deshalb ist es wichtig, den ganzen Körper zu trainieren und nicht nur einzelne Teile.

Außerdem sollte man rechtzeitig damit beginnen, denn wer wartet bis er nur noch mit Hilfe zurecht kommt, bevor er mit dem Training beginnt, hat es selbstverständlich schwerer.

Investieren Sie deshalb rechtzeitig in Ihre Fitness!

 

Hilft Krafttraining gegen Polyneuropathie?

Ob ein direkter Effekt auf die Symptome der Polyneuropathie oder sogar auf die Nervenschäden besteht, ist natürlich eine entscheidende Frage. Also: Nutzt Krafttraining bei Polyneuropathie auch den Nerven, nicht nur den Muskeln?

Natürlich wurden dazu Studien durchgeführt, das heißt: es wurde Krafttraining mit Polyneuropathiepatienten ausprobiert und die Schwere der Polyneuropathie untersucht. Dabei zeigte sich, dass ein Krafttraining alleine einen kleinen positiven Effekt auf die Nervenschäden hat. Also, wer Krafttraining betreibt weist etwas weniger Symptome der Polyneuropathie wie Schmerzen, Taubheitsgefühl und Missempfindungen auf. Allerdings ist der Effekt recht gering.

Wenn man das Krafttraining allerdings mit Gleichgewichtsübungen kombiniert, ergänzen sich die Wirkungen gegenseitig. Das heißt, wer Gleichgewichtsübungen wie in meiner Übungsanleitung "Bewegung bei Polyneuropathie" gleichzeitig zum Krafttraining betreibt, profitiert wesentlich stärker.

 

Spielsportarten und Polyneuropathie

Es ist grundsäztlich ausgesprochen sinnvoll, Sportarten, die man schon gut kann und an denen man Spaß hat weiter zu betreiben. Auch wenn man an Polyneuropathie leidet.

Wenn man zum Beispiel gerne Fußball spielt, sollte man das auch weiterhin tun - im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Denn alles, was man nicht mehr übt verschlechtert sich. Und dazu gehören auch Dinge, die man in Spielsportarten trainiert: Reaktionsfähigkeit, Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination. Sobald Sie aufhören, Ihren Sport zu betreiben, werden sich diese Dinge verschlechtern.

Deshalb sollten Sie weitermachen, solange Ihr erkranktes Nervensystem das zulässt. Allerdings sollten Sie das Niveau anpassen und je nach Gesundheitszustand etwas kürzer treten. Es ist oft auch sinnvoll, etwas abgewandelte Formen des Sports zu betreiben. Am besten sind Varianten, die ohne Wettkampf auskommen.

Wenn ein Basketballer zum Beispiel nicht mehr fit genug für ein wettkampfmäßiges Spiel ist, kann er doch trotzdem einfach Körbe werfen. Ein Fußballer kann sich mit einem Freund den Ball zukicken, ein Tennisspieler Technikübungen machen. Die Verletzungsgefahr ist dann gering, man hat aber trotzdem Spaß und körperlichen Nutzen!

 

Gleichgewichtstraining reduziert die Verletzungsrate am Sprunggelenk um fast die Hälfte

Gleichgewichtstraining reduziert die Verletzungsrate bei Ballsportarten

Übrigens gilt für alle Ballsportarten, ob mit oder ohne Polyneuropathie: Ein gutes Gleichgewicht schützt vor Verletzungen. Und zwar insbesondere am Sprunggelenk und Knie.

Die häufigste Sportverletzung überhaupt, das Umknicken des Sprunggelenks (medizinisch Supinationstrauma) lässt sich durch etwas Training für die Balance um mehr als die Hälfte reduzieren! Eine hervorragende Studie dazu finden Sie hier.

Sport trotz Polyneuropathie

Wie Sie sehen sind Sport und Polyneuropathie keine Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. Wenn man weiß wie, kann man sich durch Sport und Training bei Polyneuropathie sogar sehr viel Gutes tun.

Wichtig ist, insbesondere das Gleichgewicht zu trainieren, weil man dadurch das Nervensystem sehr stark anspricht und dessen Funktion verbessert. Außerdem hilft es, Stürze und Verletzungen zu vermeiden.

Mein wichtigster Ratschlag ist: bleiben Sie aktiv, trotz Polyneuropathie!