Polyneuropathie bei Diabetes

Diabetes ist die häufigste Ursache von Polyneuroopathie

Diabetes Typ 2 ist eine der häufigsten Ursachen der Polyneuropathie. Man geht davon aus, dass 50% der Diabetiker Nervenschäden entwickeln. Wenn man bedenkt dass in Deutschland 9-10% der Bevölkerung an Diabetes leiden ist klar, dass Millionen von Menschen aufgrund des Diabetes an Polyneuropathie erkranken. (Die Zahlen stammen aus folgenden Quellen: Feldman et al. 2019, Menhorn 2017).

Bisher gibt es kaum wirksame Medikamente, die gegen die Nervenschäden helfen könnten. Hat sich die Polyneuropathie einmal als Folge des Diabetes entwickelt, ist eine vollständige Heilung sehr selten. Deshalb ist es besonders wichtig, der Polyneuropathie durch die eigene Aktivität und einen gesunden Lebensstil vorzubeugen.

Wie entsteht Polyneuropathie bei Diabetes Typ 2?

Diabetes Typ 2 schädigt die Nerven auf mehrere Arten. Einerseits werden die Axone geschädigt. Das sind Fortsätze der Nerven, die Signale aus der Nervenzelle weiterleiten. Wenn diese Schaden nehmen, wird die Weiterleitung von Signalen gestört.

Allerdings wird nicht nur das Axon selbst, sondern auch dessen umgebende Hülle, die Myelinschicht geschädigt. Die Myelinschicht wird von speziellen Zellen, den Schwann-Zellen gebildet. Diese legen sich um die Axone und bilden eine Schicht, die die Weiterleitung von Signalen beschleunigt. Außerdem helfen sie bei der Nährstoffversorgung der Nerven mit. Bei dauerhaft zu hohen Blutzuckerspiegeln wird der Stoffwechsel der Schwann-Zellen gestört und es bilden sich toxische Substanzen, die sie schädigen. Dadurch leidet die Myelinschicht und die Signalübertragung wird gestört. Gleichzeitig wird aber auch die Versorgung der Nervenzellen verschlechtert und dadurch kommt es zu weiteren Schäden. Wenn die Polyneuropathie also einmal beginnt sich zu entwickeln, sammeln sich immer weitere Schäden an.

Ein weiterer Faktor, der zur Diabetischen Polyneuropathie beiträgt ist, dass die Energieversorgung der Nervenzellen geschädigt wird. In den Nervenzellen gibt es kleine Organellen, die Mitochondrien, die die nötige Energie für die Zelle produzieren. Bei Diabetes werden diese allerdings geschädigt und sind nicht mehr in der Lage, ihre Funktion normal zu erfüllen.

Zusätzlich wird durch den Diabetes die Durchblutung schlechter - und das insbesondere in den kleinsten Blutgefäßen, die die Nerven versorgen. Dadurch verschlechtert sich die Versorgung der Nerven mit Sauerstoff und Nährstoffen.

Sie sehen also, dass bei Diabetes gleich mehrere Mechanismen vorliegen, die die Nerven schädigen. Das ist einer der Gründe, warum es bislang kein Medikament gibt, das die Diabetische Polyneuropathie heilen kann.

Welche Nerven sind bei diabetischer Polyneuropathie betroffen?

Bei der diabetischen Polyneuropathie sind meist sensorische Nerven betroffen. Das bedeutet, dass sich die Wahrnehmung und das Gefühl für die betroffenen Körperstellen verändert, während die Muskeln meist noch angesteuert werden können.

Bei manchen Betroffenen entstehen dadurch Schmerzen und Missempfindungen wie Kribbeln oder Brennen. Bei anderen wird der betroffene Körperteil einfach gefühllos. Das heißt, obwohl die Nervenschäden die gleichen sind, können sich die Symptome von Patient zu Patient wesentlich unterscheiden. Der Grund dafür, warum bei manchen Menschen Schmerzen entstehen, bei anderen aber nicht, scheint hauptsächlich in der Reaktion des Gehirns auf die Nervenschäden zu bestehen. Das bietet auch einen Ansatzpunkt dafür, die Schmerzen durch Training zu reduzieren. Mehr dazu finden Sie hier: Warum tut Polyneuropathie weh? Was Sie gegen Schmerzen bei Polyneuropathie tun können

Außerdem betrifft die Polyneuropathie bei Diabetes das autonome Nervensystem, also die Nerven die innere Organe und zum Beispiel Blutgefäße versorgen und die ohne unsere bewusste Kontrolle funktionieren.

Die Motorischen Nerven, also Nerven die unsere Muskeln in Bewegung setzen , sindvon der Diabetischen Polyneuropathie meist weniger stark betroffen.

Die Diabetische Polyneuropathie betrifft längere Nerven stärker. Denn je länger ein Nerv ist, desto mehr Schäden können sich auf seiner gesamten Länge ansammeln. Deshalb fühlt man die Symptome der Polyneuropathie meist zuerst in den Zehenspitzen, denn die Nerven leiten Signale von dort bis zum Rückenmark. Sie sind deshalb die längsten Nerven die wir haben und bieten die meiste Angriffsfläche für Schädigungen. Wenn sich die Polyneuropathie ausbreitet, ist zunächst meist der Fuß betroffen, später der Unterschenkel. Meist beginnt man die Symptome erst dann an anderen Körperteilen, besonders den Fingern wahrzunehmen, wenn der gesamte Unterschenkel betroffen ist. Wie schnell sich die Symptome ausbreiten, ist aber sehr unterschiedlich und hängt wesentlich davon ab, wie gut der Blutzucker kontrolliert wird.

Was sind Risikofaktoren für Diabetische Polyneuropathie?

Nicht jeder Diabetiker entwickelt auch eine Polyneuropathie. Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die die Gefahr einer Polyneuropathie bei Diabetes erhöhen. Wenn man diese genau kennt, kann man auf sie einwirken und dadurch die Chancen verbessern, dass keine Polyneuropathie auftritt, oder dass sie langsamer fortschreitet.

Die wichtigsten Risikofaktoren für Diabetische Polyneuropathie sind:

  1. Höhe des Blutzuckers
    Wenn der Langzeitblutzucker sehr hoch ist, ist die Gefahr eine Polyneuropathie zu entwickeln höher als bei nur moderat erhöhten Werten.
  2. Übergewicht
    Wer an Diabetes leidet und zusätzlich starkes Übergewicht aufweist, hat eine höhere Gefahr zusätzlich eine Polyneuropathie zu entwickeln als Diabetiker mit normalem oder nur leicht erhöhtem Gewicht.
  3. Zusätzliche Stoffwechselerkrankungen
    Wenn zusätzlich zum Diabetes eine Fettstoffwechselstörung und Bluthochdruck vorliegen (das sogenannte Metabolische Syndrom) besteht eine höhere Gefahr an Polyneuropathie zu erkranken als für Diabetiker ohne diese Risikofaktoren.
  4. Rauchen und Alkohol
  5. Mangel an bestimmten Vitaminen und Nährstoffen (Vitamin D, B-Vitamine, Kupfer)
  6. Schlafapnoe
  7. Langes Bestehen des Diabetes und hohes Lebensalter
    Je länger man Diabetes hat und je älter man ist, desto größer ist die Gefahr an Polyneuropathie zu erkranken.
  8. Große Körpergröße
    Wer größer ist, dessen Nerven sind länger, weil sie eine größere Entfernung überwinden müssen. Dadurch können sich auf der längeren Fläche auch mehr Nervenschäden ansammeln und die Polyneuropathie auslösen.
  9. Genetische Veranlagung

Wie Sie sehen gibt es einige Risikofaktoren, die man durch seinen Lebensstil beeinflussen kann. Wenn Sie also zum Beispiel durch mehr Sport und bessere Ernährung Ihren Blutzucker senken und abnehmen und außerdem für eine gute Versorgung mit Nährstoffen sorgen, sinkt Ihr Risiko für Polyneuropathie. Auch wenn Sie bereits an Polyneuropathie erkrankt sind kann das ebenfalls helfen. Die Polyneuropathie wird dadurch zwar nicht geheilt, die weitere Verschlechterung kann aber wesentlich gebremst werden. Mehr dazu finden Sie in folgendem Artikel: Ist Polyneuropathie heilbar?

Risikofaktoren potenzieren sich in Ihrer Wirkung

Es ist entscheidend zu wissen, dass die genannten Risikofaktoren sich in ihrer Wirkung gegenseitig verschlimmern. Wenn man hohe Blutzuckerwerte hat, ist das allein bereits ein Risikofaktor für Nervenschäden. Wenn jetzt noch ein Mangel an Vitamin D hinzukommt, steigt die Gefahr wesentlich. Trinkt man außerdem viel Alkohol wird die Gefahr für Polyneuropathie noch einmal größer.

Wenn man sich selbst vor Polyneuropathie schützen möchte oder den Krankheitsverlauf wenigstens positiv beeinflussen möchte, sollte man also versuchen, alle Risikofaktoren im Blick zu haben und zu kontrollieren.

Mangel an Vitamin D erhöht bei Diabetikern das Risiko für Polyneuropathie

Wie wird diabetische Polyneuropathie diagnostiziert?

Um eine Diabetische Polyneuropathie zu erkennen, werden die Patienten meist zunächst nach ihren Symptomen befragt. Wenn typische Symptome wie Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen in den Zehenspitzen oder dem Fuß vorliegen können weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Meistens wird zunächst die Sensibilität für Vibration mit einer Stimmgabel getestet. Die Stimmgabel wird dazu angeschlagen, sodass sie vibriert. Wenn man sie dann auf ein Körperteil hält kann der Patient sagen, wann er die Vibration wahrnimmt. Anhand der Stärke der Vibration, die nötig ist bevor man die Vibration spürt, lässt sich feststellen wie gut die Sensibilität ist. Alternativ kann das Berührungsempfinden oder das Gefühl für Wärme und Kälte getestet werden.

Ein weiterer einfacher, aber sehr aussagefähiger Test ist die Untersuchung der Reflexe. Jeder kennt den Test der Reflexe am Knie, wenn der Arzt mit einem kleinen Hammer auf die Sehne vorne an der Kniescheibe klopft (Patellasehnenreflex). Das gleiche ist auch an der Achillessehne möglich. Man klopft mit dem Hammer leicht darauf und beobachtet, ob die Muskeln als Reaktion reflexartig zucken. Wenn dieser Reflex nicht mehr ausgelöst werden kann, spricht das für eine Polyneuropathie.

Die sicherste Methode um die Polyneuropathie festzustellen ist allerdings, Strom durch die Nerven zu leiten und zu messen wie schnell der Strom geleitet wird bzw. wie genau der Strom weitergeleitet wird. Anhand dieser Messungen lässt sich auch herausfinden, welche Nervenfasern betroffen sind. Allerdings ist es damit nicht unbedingt möglich, Schäden in kleinen Nervenfasern, die Small Fibre Polyneuropathie festzustellen. Um diese sicher zu diagnostizieren, kann ein Stück Haut als Biopsie entnommen werden. Die Nerven darin können dann im Labor untersucht werden. Dieses Verfahren wird allerdings nur selten durchgeführt, da es aufwendig ist und eine Verletzung der Haut zur Folge hat.

Kompliziertere Untersuchungen sind vor allem dann sinnvoll, wenn die Symptome untypisch sind. Also wenn sie zum Beispiel sehr ungleich auf der rechten und linken Körperhälfte verteilt sind oder wenn der Verdacht besteht, dass andere Ursachen, wie zum Beispiel Autoimmunerkrankungen oder Nährstoffmangel vorliegen.

Weitere Risikofaktoren untersuchen

Es ist insgesamt sehr wichtig, alle weiteren Risikofaktoren zu untersuchen, die die Polyneuropathie verschlimmern oder für sich allein schon auslösen können. Wenn nämlich mehrere Faktoren gleichzeitig bestehen, die die Nerven schädigen, können diese sich gegenseitig ergänzen und die Erkrankung verschlimmern. Deshalb muss zum Beispiel unbedingt darauf geachtet werden, dass kein Nährstoffmangel besteht und nicht zu viel Alkohol getrunken wird. Aber auch Risikofaktoren, die weniger bekannt sind sollten kontrolliert werden.

Ein relativ häufiger Risikofaktor, den wenige kennen ist die Schlafapnoe. Dabei kommt es nachts im Schlaf zu Atemaussetzern und in der Folge zu Sauerstoffmangel. Der Sauerstoffmangel kann die Nerven schädigen und dadurch zur Entwicklung der Polyneuropathie beitragen. Da die Schlafapnoe bei Diabetikern relativ häufig vorkommt (insbesondere bei übergewichtigen Männern) und viele weitere Folgeschäden verursachen kann, sollte sie auf keinen Fall übersehen werden. Wenn Sie also an Polyneuropathie leiden und schnarchen, sollten Sie unbedingt Ihren Arzt darauf ansprechen. Eine wissenschaftliche Quelle zum Zusammenhang von Schlafapnoe und Polyneuropathie finden Sie hier: Abelleira et al. (2021)

Mehr zur Diagnose und Risikofaktoren der Polyneuropathie finden Sie hier: Polyneuropathie

Andere Ursachen für Schmerzen untersuchen

Nur weil eine Polyneuropathie vorliegt ist nicht unbedingt sicher, dass Schmerzen und Missempfindungen tatsächlich durch die Polyneuropathie ausgelöst werden. Denn auch wenn Polyneuropathie vorliegt besteht die Möglichkeit, dass andere Probleme Schmerzen verursachen können.

Ich selbst beobachte bei meinen Patienten sehr sehr häufig, dass zusätzlich zu den Schäden in den Nerven auch Probleme in den Muskeln entstehen, die Schmerzen verursachen. Wegen der Polyneuropathie verändern sich die Bewegungsmuster und die Bewegungskontrolle verschlechtert sich. Dadurch kommt es sehr häufig zu Muskelverhärtungen und sogenannten Triggerpunkten, die ebenfalls Schmerzen auslösen können. Wenn diese Muskelverhärtungen behandelt werden, werden auch sehr oft die Schmerzen besser. In manchen Fällen verschwinden sie sogar ganz. Das Schöne daran ist, dass die Behandlung sehr einfach ist. Eine einfache Massagetechnik reicht dazu oft aus. Wenn man diese einfache Methode erlernt, kann man sich oft sehr gut selbst gegen die Schmerzen helfen. Eine Anleitung dazu finden Sie auf diesen beiden Seiten: Massage bei Polyneuropathie
Schmerzen bei Polyneuropathie und was Sie dagegen tun können

Was Sie selbst gegen die Schmerzen bei Polyneuropathie tun können

Auch Dehnübungen können die Schmerzen reduzieren

Allerdings kann nicht nur Massage gegen die Schmerzen helfen. Auch bestimmte Dehnübungen können helfen. Diese sollten aber sehr gezielt durchgeführt werden und es sollten genau die richtigen Stellen gedehnt werden. Wie das funktioniert sehen Sie in diesem Video:

Was Sie selbst gegen die Schmerzen bei Polyneuropathie tun können

Wie kann man Polyneuropathie bei Diabetes verhindern?

Der offensichtlichste Faktor um die Polyneuropathie zu verhindern ist, den Blutzucker gut zu kontrollieren. Wenn man den Blutzucker gut im Griff hat sinkt auch das Risiko, zusätzlich an Polyneuropathie zu erkranken. Interessanterweise ist die tatsächliche Höhe des Blutzuckers bei Diabetes Typ 1 wesentlich ausschlaggebender als bei Diabetes Typ 2 (Eine Studie dazu finden Sie hier: Feldman et al. 2019)

Außerdem sollten alle Risikofaktoren auf die wir Einfluss nehmen können kontrolliert werden. Das heißt: Stellen Sie sich, dass alle nötigen Nährstoffe vorhanden sind. Verzichten Sie auf Alkohol und rauchen Sie nicht. Versuchen Sie abzunehmen, wenn Sie starkes Übergewicht haben und lassen Sie sich auf Schlafapnoe untersuchen.

Eine ganz entscheidende und besondere Rolle kommt allerdings der Bewegung zu.

Körperliches Training bietet besondere Möglichkeiten

Körperliches Training hat bei Diabetes eine ganz besondere Wirkung, die sie bei anderen Formen der Polyneuropathie nicht hat. Das Schöne daran ist, dass Sie selbst ohne Probleme trainieren und dadurch etwas für Ihre Nerven tun können. Wer sich viel bewegt, kann dadurch den Blutzucker regulieren und die Polyneuropathie verhindern. Allerdings kommen weitere positive Effekte des Trainings hinzu. So liegt eine Studie vor, in der nach einem körperlichen Training mit Diabetikern eine erhöhte Anzahl an Nervenfasern in der Haut festgestellt wurde. Das Training hat hier also nicht indirekt über den Blutzucker gewirkt, sondern direkt Nerven wachsen lassen. Wenn man rechtzeitig mit dem Training beginnt kann das also einen wichtigen Beitrag leisten um die Polyneuropathie zu verhindern. Die Studie können Sie selbst hier nachlesen: Singleton et al. (2014)

Allerdings möchte ich zuerst darauf eingehen, welche Art des Trainings sinnvoll ist um den Blutzucker zu reduzieren.
Ausführliche Artikel dazu finden Sie übrigens hier:
Training gegen Diabetes
Sport für Diabetiker

Das richtige Training gegen hohen Blutzucker

Um den Blutzucker durch körperliches Training zu reduzieren ist es übrigens wichtig, gezielt den Zuckerstoffwechsel zu trainieren, statt nur einfach unspezifisch zu trainieren.

Häufig bekommt man gesagt man solle spazieren gehen, um etwas gegen den Diabetes zu tun. Das ist zwar richtig, es gibt aber wesentlich effizientere Methoden.

Denn der Körper verwendet bei verschiedenen Arten der Bewegung auch verschiedene Energiequellen. Beim Spazierengehen zum Beispiel wird hauptsächlich Energie aus der Verbrennung von Fett verwendet. Bei etwas höheren Anstrengungsgraden wird stattdessen mehr Zucker verbrannt. Der Zuckerstoffwechsel lässt sich dadurch gezielt trainieren und verbessern und dadurch wird auch der Diabetes besser.

Die beste Methode dazu ist Intervalltraining. Dabei strengt man sich immer nur für kurze Zeit relativ stark an, bevor man wieder mit niedriger Intensität arbeitet um sich zu erholen. Wichtig ist außerdem, dass man möglichst viele Muskeln in das Training mit einbezieht. Denn das Training wirkt immer nur in den Muskeln die auch tatsächlich trainiert werden. Wenn Sie zum Beispiel nur Rad fahren, verbessert sich dadurch der Zuckerstoffwechsel in den Beinmuskeln, die Muskeln am Oberkörper werden dadurch aber kaum erreicht und der Zuckerstoffwechsel dort wird nicht besser. Dementsprechend wird auch der Diabetes insgesamt nicht so viel besser wie wenn ein Ganzkörpertraining durchgeführt werden würde.

Übrigens wirkt das Training nicht so gut, wenn man Metformin bekommt. Falls Sie bereits längere Zeit intensiv trainiert haben, aber keine Fortschritte erzielt haben könnten, Sie Ihren Arzt deshalb darauf ansprechen, ob ein anderes Medikament sinnvoll wäre.

Eine ausführliche Erklärung zum Training gegen hohen Blutzucker finden Sie in folgendem Video:

Zur Erstellung eines persönlichen Trainingsplans,  gerne auch per Videosprechstunde können Sie mich gerne kontaktieren:

Telefon: 0176 66 86 91 51
Email: Bitzer.Sporttherapie@gmail.com

Gleichgewichtstraining hilft gegen Diabetische Polyneuropathie

Spezielles körperliches Training kann auch ganz direkt gegen die Symptome der Polyneuropathie helfen. Dazu ist insbesondere Gleichgewichtstraining sinnvoll. In zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und auch in meiner praktischen Erfahrung als Therapeut hat sich immer wieder gezeigt, dass Gleichgewichtstraining dazu führt, dass die Patienten trotz Polyneuropathie besser in der Lage sind, stabil zu gehen und zu stehen und deshalb seltener stürzen. Auch die Schmerzen und Missempfindungen werden durch ein solches Training besser oder verschlechtern sich zumindest nicht so schnell. Eine Studie dazu finden Sie hier: Thukral et al. 2021.

Das Prinzip des Gleichgewichtstrainings ist, dass die "Datenverarbeitung" im Gehirn besser wird. Das heißt, dass sich die Art und Weise wie die Signale aus den Nerven verarbeitet werden verbessert und dadurch einerseits das Gleichgewicht besser wird, andererseits aber auch die Wahrnehmung des Körpers besser wird. Man kann den Körper nach einem Gleichgewichtstraining also ein bisschen besser wahrnehmen als vorher und lernt dadurch auch zum Teil die Schäden, die die Polyneuropathie mit sich bringt auszugleichen. Das kann dazu führen, dass sich die Schmerzen und Missempfindungen verbessern.

Übungen dazu finden Sie hier: Übungen bei Polyneuropathie

Training schützt die Nerven von Diabetikern

Ganz besonders wichtig für Diabetiker ist, dass die Polyneuropathie durch körperliches Training direkt beeinflusst werden kann. Das heißt, dass Nerven durch das Training geschützt werden oder sich sogar regenerieren können.
In einer Studie der Universität von Utah wurde beobachtet, dass durch regelmäßiges Training sogar mehr Nervenenden wuchsen. In der Studie wurde ein Jahr lang mit Diabetikern  (die noch keine Polyneuropathie hatten) trainiert und die Anzahl an Nerven in der Haut gemessen. Nach dem Ende der Trainingsphase hatte sich die Anzahl der Nerven in der Haut erhöht, während in der Kontrollgruppe, die nicht trainiert hatte, keine Veränderung auftrat. Wer an dem Training teilgenommen hatte, hatte also ein geringeres Risiko an Polyneuropathie zu erkranken als Diabetiker, die nicht trainiert hatten. Hier können Sie die Ergebnisse selbst nachlesen: Singleton et al. 2014.

Auch bei Diabetikern mit Polyneuropathie wurde durch körperliches Training eine Verbesserung festgestellt. Es kam zu einer besseren Regenerationsfähigkeit der Nerven, einer größeren Anzahl von Nerven in bestimmten Hautarealen und - vielleicht am Wichtigsten - die Probanden berichteten von weniger Schmerzen als die inaktiven Kontrollgruppen. Das ist eine ganz besondere Möglichkeit für Patienten mit Diabetes und Polyneuropathie, denn bei den meisten anderen Formen der Polyneuropathie lässt sich durch Training keine unmittelbare Regeneration der Nerven erreichen. Übrigens reichte in den genannten Studien ein "normales" Training aus. Es waren keine besonderen Geräte oder ausgefallenen Trainingsmethoden eingesetzt worden, jeder kann das also auch selbst machen.

Studien dazu können Sie hier nachlesen:
Smith et al. 2006
Singleton et al. 2015
Kluding et al. 2012

Wichtig ist allerdings, dass das Training zwar eine gewisse positive Wirkung hat, aber kein Wundermittel ist, das alles heilt was sich über Jahre ansammelt. Wenn bereits eine ausgeprägte Polyneuropathie besteht, dann wird diese durch körperliches Training nicht verschwinden. Es ist deshalb wichtig, möglichst frühzeitig mit dem Training zu beginnen, sodass die Nervenschäden gar nicht erst so schlimm werden. Außerdem treten die Effekte erst nach relativ langer Zeit ein. Um wirklich spürbare Unterschiede zu beobachten muss das Training deshalb Teil des Lebensstils werden und dauerhaft angewandt werden. Wenn man nur einige Wochen trainiert und danach wieder ein inaktives Leben führt werden sich keine Effekte einstellen.

Alpha-Liponsäure und Omega-3-Fettsäuren scheinen außerdem zu helfen

In verschiedenen Studien wurde untersucht, ob Alpha-Liponsäure eine positive Wirkung bei Diabetischer Polyneuropathie hat. Es zeigt sich, dass Alpha-Liponsäure eine gewisse Wirkung auf die Polyneuropathie hat. Dabei scheint 600 mg pro Tag als Kapsel die optimale Dosis zu sein. Höhere Dosen bringen keinen zusätzlichen Nutzen (Ziegler et al. 2006). Allerdings sind die Effekte hier zwar messbar, aber relativ schwach. Etwas stärker ist die Wirkung offenbar, wenn die Alpha-Liponsäure als Infusion gegeben wird statt als Kapseln.

Auch für Omega-3-Fettsäuren liegen Studien vor die zeigen, dass gewisse Verbesserungen der Polyneuropathie erreicht werden können. So kommt es zum Beispiel zu günstigen Veränderungen im Stoffwechsel, die den Verlauf der Polyneuropathie positiv beeinflussen (Duran et al. 2022). Allerdings sollte man auch hier keine Wunder erwarten: Die Polyneuropathie wird dadurch positiv in ihrem Verlauf beeinflusst, aber nicht komplett geheilt.