Polyneuropathie und Kaffee

Kaffee soll bei Polyneuropathie schaden?

Kaffe und Polyneuropathie sind ein Thema, über das sich viele Patienten Gedanken machen. Da die Krankheit die Lebensqualität oft sehr stark einschränkt ist man bei solchen Überlegungen oft schnell verunsichert. In der Medizin sind Sie aber kaum ein Thema und man findet kaum Informationen dazu, wie man mit diesem Genußmittel umgehen soll.

In diesem Artikel versuche ich deshalb, die Tatsachen und wissenschaftlichen Fakten zum Thema Kaffee und Polyneuropathie zusammenzufassen und möglichst viele offene Fragen zu klären. Eines vorneweg: ich möchte Ihnen den Kaffee als Polyneuropathiepatientin oder -Patient nicht verbieten!

Schadet Kaffee bei Polyneuropathie?

Polyneuropathie und Kaffee

Polyneuropathie und Kaffee

Das war mir neu!

Eine Patienten fragte mich vor ein paar Tagen etwas verunsichert, ob sie mit ihrer Polyneuropathie noch Kaffee trinken dürfe.

Sie hatte gelesen, man solle den Kaffeekonsum einschränken, da er die Polyneuropathie verschlimmere. Mir war bisher nicht bekannt dass Polyneuropathie und Kaffee zusammenhängen sollen, also machte ich mich ans Recherchieren.

Mehr Informationen zur Ernährung bei Polyneuropathie finden Sie hier.

Angeblich Störung des vegetativen Nervensystems

Zunächst findet man bei der Suche nach Informationen kaum etwas. Man findet lediglich ein paar Websites, auf denen empfohlen wird, den Kaffeekonsum bei Polyneuropathie einzuschränken, da er das vegetative Nervensystem beeinflusst und die Koordination im Nervensystem beeinträchtigt.

Dass Kaffee das vegetative Nervensystem beeinflusst ist ja richtig und ist einer der Gründe, warum Kaffee ein Wachmacher ist, aber schadet das oder verschlimmert es gar die Polyneuropathie? In den meisten Fällen bestehen die Nervenschäden bei Polyneuropathie doch gar nicht vorrangig im vegetativen Nervensystem. (Das vegetative Nervensystem ist vereinfacht gesagt der Teil des Nervensystems, der uns wach oder müde macht und Dinge wie die Atemgeschwindigkeit und die Verdauung regelt die unbewusst ablaufen)

Die meisten Menschen leiden an Schmerzen, Taubheit und Missempfindungen in den Füßen und Händen. Und die entstehen nicht durch Probleme im vegetativen Nervensystem.

Sind solche Behauptungen da nicht eher Vermutungen als Aussagen, die auf Fakten basieren?

Was weiß die Wissenschaft zu Polyneuropathie und Kaffee?

Um verlässliche Informationen zu finden, suche ich nach wissenschaftlichen Studien. Dazu durchsuche ich medizinische Datenbanken, in denen sich die meisten Studien finden lassen.

In solchen Fällen ist die beste Adresse "Pubmed, die wichtigste Datenbank für medizinische Studien. Wenn es Beweise für medizinisch relevante Wirkungen von Genussmitteln gibt, dann lassen sie sich hier ziemlich sicher finden. Leider finden sich allerdings fast keine Studien zum Thema. Zumindest nicht mit Menschen. Offenbar hat kaum ein Forscher sich bisher die Frage gestellt ob Polyneuropathie und Kaffee zusammenhängen.

Das Einzige was ich tatsächlich finde sind zwei Studien mit Mäusen, die an Diabetes litten. Durch den Diabetes wurden bei diesen Mäusen Schäden an den Gehörnerven ausgelöst (sie litten an Auditorischer Neuropathie). Wenn die Tiere Kaffee bekamen schützte das die Gehörnerven. Die Nerven funktionierten besser und konnten besser Signale verarbeiten. Die Mäuse konnten also besser hören, denn die Nerven funktionierten besser, wenn sie Kaffee bekamen. Hier der Link zu einer der Studien.

 

Eher eine Schutzwirkung durch Kaffee bei Polyneuropathie zu erwarten?

Also mit Menschen gibt es überhaupt keine Untersuchungen dazu, ob Kaffee bei Polyneuropathie schadet. Bei Tieren gibt es Hinweise darauf, dass der Kaffee sogar schützen könnte. Das reicht für eine echte Empfehlung allerdings noch nicht aus.

Wirklich viel weiß man zum Thema also noch nicht, und Studien die die Wirkung des Kaffees bei Patienten mit Polyneuropathie direkt untersuchen gibt es noch garnicht. Das heißt, aus wissenschaftlicher Sicht kann man wenn überhautp nur Vermutungen aufgrund der Tierversuche anstellen. Das ist nun wirklich keine Begründung dafür, den Patienten den Kaffee zu verbieten.

Aber was ist sonst noch bekannt? Dass Kaffee einige Wirkungen auf den Körper und die Gesundheit hat weiß man ja. Welche Wirkungen könnten denn mit der Polyneuropathie zusammenhängen?

Bei Diabetischer Polyneuropathie ist Kaffee eher hilfreich

Was man sicher sagen kann ist, dass regelmäßiger Kaffeekonsum bei Diabetes eher hilft als schadet. Und Diabetes ist eine der häufigsten Ursachen der Polyneuropathie.

Durch Kaffeekonsum wird die Gefahr, an Diabetes Typ 2 zu erkranken reduziert. Wie Sie der Grafik unten entnehmen können, sinkt die Gefahr um etwa ein Drittel wenn man sechs Tassen am Tag trinkt. (Wenn Sie auf die Grafik klicken gelangen Sie zur Studie aus der die Daten stammen, falls Sie gerne Studien lesen)

Übrigens sinkt das Risiko weiter, wenn man mehr als 6 Tassen Kaffee täglich trinkt. Allerdings muss man schon ein großer Kaffeeliebhaber sein um solche Mengen zu trinken.

Bewegung gegen Polyneuropathie

Mit den richtigen Übungen können Sie sich selbst gegen Polyneuropathie helfen.

Die Nervenschäden in den Händen und Füßen lassen sich durch das richtige Training des Gehirns ausgleichen. Dadurch lernt man wieder, sicherer zu gehen und Stürze zu vermeiden. Häufig werden sogar die Schmerzen besser.

Hier finden Sie Übungen für zu Hause:

Kaffee schützt Diabetiker vor Folgeerkrankungen

Auch wenn man schon an Diabetes leidet, kann regelmäßiger Kaffeekonsum den Blutzucker etwas senken. Regelmäßiger Konsum scheint den Langzeitblutzucker  HbA1c um maximal 0,5 senken zu können. Das ist zwar kein riesiger Unterschied, aber für ein Genußmittel doch beeindruckend. Interessanterweise entsteht dieser Effekt nur langfristig. Unmittelbar nach dem Genuß von Kaffee steigt der Blutzucker sogar kurzfristig an.

Auch die Gefahr, Herzinfarkte und Schlaganfälle zu erleiden, scheint durch Kaffee bei Diabetikern etwas gesenkt zu werden. Diese kommen bei Diabetikern leider besonders häufig vor und der Kaffee senkt die Gefahr etwas. Das gilt natürlich nur wenn man den Kaffee nicht mit Zucker süßt 😉

Aber wenn der Kaffee also einen positiven Effekt auf den Blutzucker hat, wieso sollte er dann bei Diabetischer Polyneuropathie schaden? Dafür gibt es weder statistische Hinweise noch andere stichhaltige Argumente. Es scheint sogar eher so zu sein dass der Kaffee gegen den Diabetes und damit auch gegen die Nervenschäden hilft.

Wenn Ihre Polyneuropathie also durch Diabetes ausgelöst wurde und Sie gerne Kaffee trinken, dann machen Sie ruhig weiter damit! Sie werden sich damit eher etwas Gutes tun als sich schaden. Und man muss doch schon auf so vieles Verzichten, ist es da nicht schön sich wenigstens noch hin und wieder einen Kaffee gönnen zu können?

Vitaminmangel bei Polyneuropathie durch Kaffee ausgleichen?

Hinzu kommt, dass Kaffee Niacin (Vitamin B3) enthält und die Aufnahme von Vitamin B12 fördert. Ein Mangel an B-Vitaminen kann ebenfalls eine Polyneuropathie auslösen, deshalb sollte ein Mangel an B-Vitaminen dringend vermieden und entsprechend viele B-Vitamine in der Ernährung enthalten sein. (Mehr zum Thema Ernährung bei Polyneuropathie finden Sie hier)

Die Mengen an B-Vitaminen im Kaffee sind allerdings nicht sehr groß, das Heißgetränk alleine wird also keinen gewaltigen Unterschied machen wenn Sie an aktuem Mangel an B-Vitaminen leiden.

Gleichzeitig scheint der Kaffee aber zu einem Verlust an Vitamin B1 zu führen. Auch diese Wirkung ist nicht so groß, dass man deshalb auf den Kaffee verzichten müsste. Insbesondere wenn man ansonsten auf die Ernährung achtet. Bezüglich Vitamin B1 ist es wichtiger, auf Alkohol zu verzichten, der dem Körper den wichtigen Nährstoff in viel größerem Maße entzieht.

Was Vitamine angeht ist allerdings allgemein zu sagen, dass das Potenzial für die Heilung der Polyneuropathie begrenzt ist. Wenn man an Nervenschäden leidet, die durch einen Mangel an Vitaminen ausgelöst wurden, macht es natürlich durchaus Sinn, viele dieser Vitamine zu sich zu nehmen. Auch wenn ein Mangel bei Ihnen gemessen wurde sollten Sie diesen natürlich ausgleichen.

Allerdings gibt es was Vitamine angeht eine allgemeingültige Regel:

Mehr Vitamine aufzunehmen, als nötig ist um den Bedarf zu decken, bringt keinen zusätzlichen Nutzen!

Das heißt, eine normale Versorgung mit Vitaminen aller Art genügt. Wenn Sie keinen Mangel an Vitaminen haben, wird es auch nichts nutzen, Vitaminpillen zu nehmen, oder auf eine Ernährung mit vielen dieser Vitamine zu achten. Deshalb sind bisher auch alle Versuche gescheitert, Polyneuropathie mit Vitaminpräparaten zu heilen.

Also sind mögliche Wirkungen auf den Vitaminhaushalt auch kein Grund für Polyneuropathiepatienten, den Kaffee jetzt vom Frühstückstisch zu verbannen.

Ihnen wird schon genug verboten

Lassen Sie sich also den Kaffee wegen der Polyneuropathie nicht vermiesen. Man muss als Polyneuropathiepatient schon auf so vieles achten. Die Krankheit bringt schon schon genügend Probleme und Einschränkungen.

Da muss man die Lebensqualität nicht noch verschlechtern, indem man auch noch auf den Kaffee verzichtet. Insbesondere weil es keine belastbaren Gründe dafür gibt. Es gibt wie gesagt keine Grundlage dafür, den Kaffee wegen der Neuropathie wegzulassen.

In der chinesischen Medizin empfohlen

In der chinesischen Medizin wird in manchen Fällen empfohlen, den Kaffeekonsum zu reduzieren, wenn man an Polyneuropathie leidet. Wenn Sie bei Ärzten oder Naturheilkundlern in Behandlung sind und eine richtige Diagnostik betrieben wurde, die dann die Grundlage für eine solche Empfehlung ist, halten Sie sich bitte daran.

Erfahrene Fachleute haben in manchen Fällen sicher gute Gründe dafür dass sie Ihnen vom Kaffee abraten.

Aber das gilt nicht allgemein für alle Menschen mit Polyneuropathie. Es sind individuelle Empfehlungen.

Für die breite Masse gilt: Es gibt keinen Grund, den Kaffee bei Polyneuropathie grundsätzlich wegzulassen!

Falls Sie mehr zum Thema Ernährung bei Polyneuropathie wissen möchten finden Sie unter folgendem Link mehr Informationen:
Ernährung bei Polyneuropathie

Gezielte Übungen für das Nervensystem bei Polyneuropathie

Das Nervensystem ist der Teil des Körpers, der am schnellsten auf körperliches Training reagiert. Übungen die Ihnen helfen, trotz der Schäden durch die Polyneuropathie den Alltag gut zu bewältigen finden Sie hier:


Christian Bitzer

M.A. Sportwissenschaft, B.A.Sporttherapie, Inhaber von Bitzer Sporttherapie