Wie man trotz Chemotherapie seine Haare behält

Kühlen hilft - wenn man es richtig macht

An vielen Stellen wird Kühlung gegen Haarausfall bei Chemotherapie empfohlen. Leider kann man dabei viel falsch machen. Auch Fachpersonal weiß oft nicht, wie man die Kühlung richtig anwendet und viele Betroffene verlieren deshalb ihre Haare, obwohl sie kühlen. Eben weil kleine Fehler in der Anwendung gemacht werden. Ich möchte Ihnen in diesem Artikel zeigen, auf was es ankommt, damit die Kühlung Ihre Haare wirklich schützt.

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Perspektive des Patienten

Ich habe bereits 2012 an der Uniklinik in Freiburg angefangen mit Krebspatienten zu arbeiten und kannte die Behandlung aus der Sicht eines Therapeuten und Wissenschaftlers. Seit meine eigene Mutter an Krebs erkrankte kenne ich aber auch die Perspektive des Patienten. Die Methode die ich hier vorstelle habe ich gemeinsam mit meiner Mutter selbst angewandt und ich habe genau miterlebt, wie gut sie funktionierte, aber auch erlebt was die Schwierigkeiten in der Umsetzung sind. Bei der korrekten Anwendung verlor meine Mutter praktisch keine Haare. 

Verursacht Ihre Chemotherapie überhaupt Haarausfall?

Zuerst sollten Sie prüfen, ob die Chemotherapie, die Sie erhalten überhaupt Haarausfall verursacht. Ich würde Ihnen empfehlen, Ihren Arzt zu fragen. Man kann inzwischen aber auch selbst einfach online nachlesen. 

Kleine Fehler können machen die Wirkung des Kühlens zunichte

Es ist wichtig zu wissen, dass manche Wirkstoffe nur in Kombination Haarausfall verursachen. Meine Mutter erhielt zum Beispiel Cyclophosphamid. Ihr wurde dann von einer Pfelgerin gesagt, dass sie keine Kühlung anwenden müsse, solange das Cyclophosphamid angewandt wird, weil dieser Wirkstoff keinen Haarausfall verursache, sondern erst, wenn sie direkt danach Docetaxel, also einen anderen Wirkstoff erhält. Allerdings verstärken sich hier die Wirkungen gegenseitig. Die beiden Wirkstoffe machen erst richtig schlimmen Haarausfall, wenn sie gemeinsam im Körper sind. Das heißt, obwohl Cyclophosphamid alleine keinen Haarausfall macht, führt es gemeinsam mit Docetaxel zu sehr starkem Haarausfall. Diese beiden Wirkstoffe zusammen ergänzen sich also nicht nur in der Wirkung auf den Krebs, sondern leider auch in der Wirkung auf die Haarwurzeln. Man hätte mit dieser Kombination also erst Recht kühlen müssen. Ich kam leider zu spät zum Termin und traf meiner Mutter ohne Kühlmütze, aber mit der Infusion an. Sie verlor deshalb fast die Hälfte ihrer Haare nach der allerersten Gabe der Chemotherapie. Bei den weiteren Terminen kühlten wir aber konsequent. Es fielen dann nicht nur keine neuen Haare aus, sondern die Haare kamen sogar zurück. Als die Chemotherapie abgeschlossen wurde hatte meine Mutter bereits wieder 10 cm lange Haare. Hätte man von Anfang an richtig gekühlt, dann hätte sie ihre Haare komplett behalten.

 

Kühlen schützt die Haare auf vier verschiedene Arten!

Zunächst erkläre ich, was die Wirkmechanismen der Kühlung sind. Denn wenn man weiß, was genau die Kühlung bewirken soll, wird auch klar, wie man die Kühlung richtig anwendet.

1. Kühlung verhindert, dass die Chemotherapie die Haarwurzeln erreicht.

Der Haarausfall bei Chemotherapie entsteht, weil die Haarwurzeln von den Wirkstoffen der Chemotherapie angegriffen werden. Die Wirkstoffe gelangen über das Blut zu den Haarwurzeln.. Wenn ein Körperteil gekühlt wird, dann fließt darin weniger Blut. Dementsprechend kommt dann auch weniger Wirkstoff der Chemotherapie dort an. Kühlung schützt deshalb die Haare. Dazu muss die Kälte allerdings kalt genug und lange genug angewandt werden.Zunächst erkläre ich, was die Wirkmechanismen der Kühlung sind. Denn wenn man weiß, was genau die Kühlung bewirken soll, wird auch klar, wie man die Kühlung richtig anwendet.

2. Kühlung schützt die Haare indem sie biochemische Reaktionen verlangsamt.

Wir alle wissen, dass Wärme chemische Reaktionen beschleunigt. Deshalb kann man mit warmem Wasser besser putzen als mit kaltem. Was in den Haarwurzeln abläuft sind natürlich ebenfalls chemische Reaktionen. Wenn man sie kühlt, dann finden die chemischen Reaktionen langsamer statt. Und dementsprechend werden die Haare durch Kälte geschützt.

3. Kühlung stoppt die Zellteilung der Haarwurzeln

In der Kälte wird die Zellteilung eingestellt bzw. viel langsamer. Manche Chemotherapien wirken allerdings nur auf Zellen, die sich gerade im Teilungsprozess befinden. Das ist bei sogenannten Zytostatika der Fall, die eine sehr sehr gängige Wirkstoffgruppe sind. Wenn die Zellen aufgrund der Kälte ihre Teilung unterbrechen, dann werden sie von solchen Chemotherapien auch nicht angegriffen. Da die Zellen der Haarwurzeln sich normalerweise besonders schnell teilen, ist das ein sehr wichtiger Effekt.

4. Kühlung löst Schutzmechanismen in den Haarwurzeln aus

Die vierte Art, wie die Kälte schützt ist, indem sie eine Stressreaktion der Zellen auslöst. Kälte stellt eine Bedrohung dar, denn wenn sie zu lange besteht kann sie das Gewebe zerstören. Deshalb schalten die Haarwurzeln bei Kälte Schutzmechanismen an. Diese Schutzmechanismen schützen aber nicht nur vor Kälte, sondern auch vor der Wirkung der Chemotherapie. Sie sollten allerdings bereits aktiviert sein, wenn die Chemotherapie beginnt, um den vollen Schutz zu gewährleisten.

Kleine Fehler reduzieren die Wirkung der Kühlung massiv

Das heißt für den Schutz der Haare zunächst, dass man früher kühlen muss als normalerweise üblich. Nochmal: wir wollen erreichen, dass die Haarwurzeln Schutzmechanismen anwerfen, die bereits im vollen Gange sein sollten, wenn die Chemotherapie zu wirken beginnt. Außerdem wollen wir verhindern, dass sich die Zellen gerade im Teilungsprozess befinden, wenn die Chemotherapie beginnt. Das heißt, es reicht nicht aus, wenn man die Kühlung erst in dem Moment anwendet, in dem die Infusion mit der Chemotherapie angelegt wird. Man sollte schon etwa 30 Minuten vorher kühlen. Denn nur dann erreichen wir, dass die Schutzmechanismen schon aktiviert wurden und dass die Zellen gerade nicht im Teilungsprozess stecken, wenn die Chemotherapie zu wirken beginnt. Sehr häufig wird mit dem Kühlen allerdings zu spät begonnen.

Zu kurzes Kühlen reduziert die Wirkung

Ein weiterer sehr häufiger Fehler ist, dass man die Kühlung zu früh abbricht. Obwohl meine Mutter in einer sehr renommierten Klinik behandelt wurde, wurde dort allen Patienten empfohlen, die Kühlung abzubrechen, sobald die Infusion der Chemotherapie abgeschlossen war. Das heißt in dem Moment, in dem der gesamte Wirkstoff der Chemotherapie im Körper war wurde auch die Kühlung beendet. Die Wirkung, die wir erreichen wollen ist ja aber, dass das Blut in dem sich die Chemotherapiemittel befinden eben nicht an den Haarwurzeln ankommt. Und der Zeitpunkt, zu dem am meisten Wirkstoffe der Chemotherapie im Blut sind ist, wenn die Infusion gerade vollständig in den Körper geflossen ist. Wenn Sie in diesem Moment die Kühlung beenden, dann ist das die gleiche Logik, wie wenn Sie eine Flasche Wodka austrinken und sich ins Auto setzen, denn die Flasche ist ja jetzt leer. Wie beim Alkohol gilt auch bei der Chemotherapie, dass die Wirkstoffe noch viele Stunden im Blut bleiben und wirken. Man muss deshalb für längere Zeit weiter kühlen. Die Halbwertszeit der meisten Chemotherapien beträgt etwa 12 Stunden. Das bedeutet, dass nach 12 Stunden noch die Hälfte des Wirkstoffs in Ihrem Blut ist. Es ist also wichtig, nachdem die Infusion abgeschlossen ist weiter zu kühlen. Meine Empfehlung ist, weiter zu kühlen solange man es aushält oder bis man abends schlafen geht. Mehrere Stunden weiter zu kühlen verbessert die Chancen die Haare zu behalten wesentlich.

Nochmal zusammengefasst: Um die Haare wirklich effektiv zu schützen, muss man 30 Minuten bevor man die Chemotherapie erhält und mehrere Stunden danach kühlen. Wenn mankürzer kühlt, dann hat man bedeutend schlechtere Chancen, seine Haare zu behalten.

Die praktische Umsetzung

Wie setzt man das ganze jetzt praktisch um? Die wenigsten Kliniken bieten Kühlgeräte an, weil sie dafür kein Geld erhalten. Außerdem muss man ja nachdem man die Chemotherapie erhalten hat zu Hause weiterkühlen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als sich selbst darum zu kümmern. Man benötigt dazu eine große Kühlbox. Ich verwendete mit meiner Mutter sogar einen mobilen Kühlschrank. Dann benötigt man mehrere Kühlmützen, die man während der Infusion der Chemotherapie wechseln kann, weil sie warm werden. Meine Mutter verwendete elastische Kühlmützen und wir steckten einfach normale Kühlakkus darunter, um die Kälte dauerhaft zu gewährleisten. Die Kühlakkus tauschten wir dann alle zwanzig Minuten, weil sie dann bereits warm waren.

Man braucht sehr viele Kühlakkus und Kühlmützen

Die Infusion vieler gängiger Chemotherapien dauert rund zwei Stunden und man muss dreißig Minuten vorher bereits kühlen. Das wären 150 Minuten. Man braucht also für die Zeit in der Klinik bereits 8 Garnituren an Kühlakkus. Dann braucht man für die Fahrt zur Klinik alle zwanzig Minuten weitere Kühlakkus. Bei einer Fahrt in die Klinik von einer Stunde mussten wir also ingesamt 11 mal die Kühlutensilien wechseln. Die gleiche Anzahl hielten wir dann zu Hause in der Kühltruhe bereit, um zu Hause direkt weiterkühlen zu können bis meine Mutter abends schlafen ging. Zu der Zeit zu der meine Mutter wenige Haare hatte, setzte sie sich unter den Kühlakkus eine ganz dünne Mütze auf, um die Haut vor der extremen Kälte zu schützen. Beim allerersten mal Chemotherapie ist das aber meistens nicht nötig, weil die Haare die Haut dann schützen. Wenn die Kühlung komplett richtig angewandt wird stehen die Chancen gut, die Haare auch während der gesamten Chemotherapie zu behalten.

Natürlich ist das alles belastend und natürlich ist es ein großer Aufwand. Aber wenn man es so macht sind die Chance, die Haare zu behalten extrem gut. Die selbe Methode funktioniert übrigens auch um die Fingernägel zu schützen und um Polyneuropathie zu verhindern

Als meine Mutter Ihre Krebsdiagnose erhielt sagte ich zu ihr, dass wir alles machen werden was man machen kann, damit sie die Krankheit besiegt. Deshalb begleitete ich sie jedesmal zur Chemotherapie und half ihr mit der Kühlung. Und die Wirkung war wirklich frappierend. Bei den fünf Chemotherapiezyklen, bei denen die Kühlung korrekt angewandt wurde verlor sie praktisch keine Haare mehr. Das beweist, dass man als Patient viel für sich tun kann.

Die meisten Patienten fühlen sich hilflos und hoffen, dass die Ärzte schon alles richtig machen. Aber auch, was Sie selbst tun spielt eine bedeutende Rolle! Ob man Krebs überlebt und WIE man Krebs überlebt ist nicht nur Glück. Man kann viel mehr tun als man denkt, um den Krebs zu besiegen. Denn Ihr bester Therapeut sind Sie selbst.

 

 

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