Warum tut Polyneuropathie weh?

Weniger Signale und trotzdem Schmerzen? Warum tut Polyneuropathie weh?

Bei Polyneuropathie kommt es zu Schäden in den Nerven, was dazu, führt dass weniger Signale aus der Peripherie (meist Hände und Füße) zum Gehirn gelangen.

Dass dadurch Schmerzen entstehen ist etwas paradox. Denn eigentlich sollten weniger Signale doch einfach weniger Gefühl bedeuten und nicht mehr Schmerzen.

Außerdem kommt es recht häufig vor, dass die Polyneuropathie tatsächlich keine Schmerzen verursacht, sondern einfach dazu führt, dass man die Zehen, Füße und Fingerspitzen einfach nicht mehr wahrnimmt. Wieso kommt es bei Menschen mit ein und derselben Erkrankung zu völlig gegensätzlichen Symptomen?

Ich gehe in diesem Artikel deshalb der Frage nach: "Warum tut Polyneuropathie weh?"

Das Gefühl entsteht im Gehirn

Um zum Beispiel eine Berührung in den Zehenspitzen zu spüren, muss dieser Druck in den Zehen von einem Nerv wahrgenommen werden. Er meldet seine Wahrnehmung weiter, indem er ein Signal an das Geihrn sendet.

Dort gibt es für jeden Nerv und jedes Körperteil ein Areal, das die Signale empfängt und interpretiert. Durch diese Interpretation entsteht das Gefühl, das wir als Berührung empfinden. Diese Interpretation entscheidet auch darüber, wie sich eine Berührung genau anfühlt.

Bei Polyneuropathie werden bestimmte Hirnareale überempfindlich

Ob man eine Berührung als leichtes Streicheln oder starken Druck empfindet, als Kitzeln oder Kratzen, hängt davon ab, wie die Signale aus den Nerven im Gehirn interpretiert werden.

Schmerzen entstehen im Gehirn, nicht in den Füßen!

Polyneuropathie wirkt sich im Gehirn aus!

Wenn ein Nerv durch die Polyneuropathie geschädigt wird, sendet er missverständliche Signale an das Gehirn.

Das heißt, wenn bisher zum Beispiel eine leichte Berührung gemeldet wurde, wird dieses Signal jetzt durch die Nervenschäden gestört und verändert. Was noch im Gehirn ankommt, kann nicht mehr wie bisher eindeutig interpretiert werden, weil die Datenübertragung unterwegs gestört wird.

Es ist so ähnlich, wie wenn beim Handy- oder Radioempfang Störungen auftreten: Der Empfänger versteht das Signal nicht mehr und statt einem klaren Ton kommt nur noch Knacken und Rauschen an.

Überempfindliche Hirnareale verursachen Schmerzen

Das Nervensystem reagiert darauf, indem es den Empfänger empfindlicher einstellt. Die Hirnareale, die die Signale aus dem geschädigten Nerv empfangen und interpretieren werden im Wortsinn empfindlicher. Sie entwickeln eine höhere Grundaktivität, es wachsen dort mehr Nervenzellen und die Reaktion auf die Nervensignale wird verstärkt.

Das hat die unangenehme Folge, dass normale alltägliche Reize übertrieben stark empfunden werden und Schmerzen auslösen. Deshalb tun beispielsweise zu raue Socken oder leichte Berührungen weh.

Wenn Sie Schmerzen haben sobald Ihre Füße den Boden berühren oder schon die Bettdecke auf Ihren Füßen einen schmerzhaften Druck auslöst, liegt das also nicht nur an den Problemen in den Füßen, sondern insbesondere auch im Gehirn.

Das Gleiche gilt übrigens, auch wenn Sie Hitzeempfinden, Kribbeln oder andere MIssempfindungen haben:

Die Polyneuroopathie macht auch im Gehirn Probleme, nicht nur in den Händen oder Füßen!

Wenn Sie mehr zum Thema nachlesen möchten, finden Sie hier eine wissenschaftliche Studie, die die Zusammenhänge beschreibt: Domingues et al. 2018

Wer das Gehirn trainiert hat weniger Schmerzen

Wer das Gehirn trainiert, verbessert die Polyneuropathie!

Das ist auch der Grund dafür, dass es wenig bringt, die Füße oder die Hände zu behandeln. Man kann zwar eine Linderung erreichen, indem man Fußbäder und Cremes benutzt oder sonstige Wellnessbehandlungen anwendet. Das hilft aber nur kurzfristig, die Schmerzen werden trotzdem zurück kommen.

Ein bessere Möglichkeit um die Missempfindungen in den Griff zu bekommen ist, das Gehirn zu trainieren um die Überempfindlichkeit zu reduzieren. Dazu ist Balance Training hervorragend geeignet. Das heißt nichts anderes, als das Gleichgewicht zu trainieren.

Denn um das Gleichgewicht sicher zu halten, müssen Sie Ihren Körper dauernd wahrnehmen und genauestens spüren. Außerdem müssen Sie auf die Empfindungen wie zum Beispiel den Druck an Ihren Fußsohlen angemessen reagieren. Dadurch wird die Wahrnehmung des Körpers verbessert und die Abläufe im Gehirn effizienter.

Das Gleichgewicht zu halten ist eine der kompliziertesten Aufgaben, die wir im Alltag bewältigen - auch wenn uns das häufig nicht bewusst ist. Es ist dazu notwendig, alle Körperteile, ihre Lage zueinander und die Spannung der Muskeln mit höchster Genauigkeit wahrzunehmen, zu bewerten und angemessen zu reagieren.

Das heißt, um das Gleichgewicht zu halten, müssen dauernd Signale aus dem Körper aufgenommen, weitergeleitet und interpretiert werden.

Dies führt dann ganz konkret zu weniger Schmerzen.

87 % der Patienten berichten nach einem Training von weniger Schmerzen und Missempfindungen

nach Streckmann et al. 2014

Training gleicht die Nervenschäden aus

In einer Studie an der Universität Freiburg wurde ein solches Gleichgewichtstraining mit Menschen, die an Polyneuropathie litten ausprobiert (Hier die Studie zum nachlesen Streckmann et al. 2014).

Durch das Training verbesserte sich wie erwartet das Gleichgewicht der Patienten. Was aber viel wichtiger ist: 87,5% der Patienten berichteten von weniger Symptomen der Polyneuropathie. Das heißt: die Schmerzen und Missempfindungen wurden besser! In der Kontrollgruppe, die nicht trainierte, berichtete im gleichen Zeitpunkt kein einziger Patient von einer Verbesserung der Symptome.

Übrigens wurde nachgemessen, ob sich die Nerven in den Beinen der Patienten erholten. Dazu wurde die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen, an der Neurologen erkennen können, wie stark ein Nerv geschädigt ist. Die Messungen zeigten durch das Training keine Veränderung.

Das bedeutet: Die Verbesserung der Symptome entstand nicht in den geschädigten Nerven in den Füßen oder Händen, sondern im Gehirn!

 

Das Gehirn ist das anpassungsfähigste Organ!

Das sind hervorragende Nachrichten. Denn es bedeutet, dass sich die Nervenschäden, die in den Füßen oder Händen entstehen ausgleichen lassen, indem man das Gehirn trainiert.

Denn es gibt leider immernoch kaum Möglichkeiten, um die Nerven zu heilen, die bei der Polyneuropathie Schaden nehmen. Wenn es aber gelingt, die "Datenverarbeitung" im Gehirn zu verbessern, kann man also trotzdem die Schmerzen reduzieren!

Überraschend einfache Übungen

Wenn Sie jetzt vermuten, ein solches Training sei hochkomplex und schwierig umzusetzen kann ich Sie beruhigen.

Das Gleichgewicht zu trainieren ist kinderleicht. Man kann ein solches Training problemlos selbständig zu Hause durchführen - wenn man weiß wie es geht.

Wichtig ist vor allem, den richtigen Schwierigkeitsgrad zu wählen. Denn selbstverständlich kann jemand, der am Rollator geht, nicht auf dem gleichen Niveau trainieren wie ein gesunder fitter Mensch.

Auf meiner Seite "Übungen bei Polyneuropathie" finden Sie zahlreiche Übungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden zum Ausprobieren. Außerdem finden Sie alle nötigen Hintergrundinformationen um gleich loszulegen.

Sie können sich auch ein kleines Büchlein mit einer Übungsanleitung oder sogar ein ganzes Trainingsset bei mir bestellen.


Christian Bitzer