Senkt Polyneuropathie die Lebenserwartung?

Stirbt man früher wenn man an Polyneuropathie leidet?

Jeder der an Polyneuropathie leidet fragt sich, ob man durch die Krankheit zusätzlich zu den vielen Einschränkungen, die sie mit sich bringt, früher stirbt. Ich habe für diesen Artikel die wissenschaftlichen Studien zum Thema gelesen und möchte hier die Frage beantworten: Senkt Polyneuropathie die Lebenserwartung?

Und wenn ja, was kann man dagegen tun?

Menschen mit Polyneuropathie leben im Schnitt etwas kürzer

Eine amerikanische Forschergruppe verglich die Lebenserwartung von Polyneuropathiepatienten mit der von Menschen ohne Polyneuropathie. Dabei wurde von Menschen in einem ganzen Landkreis seit 1966 Daten zur Gesundheit erfasst. Unter den Studienteilnehmern waren fast 3000 Personen, die an Polyneuropathie litten.

Die Forscher verglichen nun diejenigen, die an Polyneuropathie litten mit Studienteilnehmern, die keine Polyneuropathie aufwiesen. Dabei wurde auch berücksichtigt, ob die Patienten weitere Erkrankungen hatten.

In dieser Studie lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen mit Polyneuropathie bei 80 Jahren. Die Studienteilnehmer, die keine Polyneuropathie hatten lebten im Durchschnitt bis 86. (Hier können Sie die Studie nachlesen: Hoffmann et al. 2015)

Aber heißt das, dass man an der Polyneuropathie stirbt?

Im Durchschnitt sterben Menschen mit Polyneuropathie 6 Jahre früher

Polyneuropathie selbst ist nicht tödlich

Es ist allerdings fraglich, ob die verringerte Lebenserwartung der Menschen, die an Polyneuropathie litten auch tatsächlich durch die Nervenkrankheit zustande kam.

Denn die Menschen mit Polyneuropathie litten ungleich häufiger an weiteren Erkrankungen als die Menschen ohne Polyneuropathie. Sehr häufig wird die Polyneuropathie eben durch andere schwere Erkrankungen ausglöst, die die Lebenserwartung senken. Das gilt sowhol für Diabetes als auch für Krebserkrankungen und hohen Alkoholkonsum.

Was also die Ursache der verringerten Lebenserwartung war lässt sich aufgrund einer solchen Studie kaum herausfinden.

Weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen

In zwei weiteren Studien, wurden Diabetiker untersucht. Dabei wurde die Lebenserwartung von Diabetikern mit Polyneuropathie und Diabetikern ohne Polyneuropathie verglichen.

(Simoneau et al. 2019, Hsu et al. 2012) Auch hier wurde eine geringere Lebenserwartung der Menschen mit Polyneuropathie beobachtet. Allerdings bleibt fraglich, ob die Polyneuropathie dafür ursächlich ist, oder ob die Polyneuropathie nicht eher durch einen schlimmeren Diabetes verursacht wurde.

Bisher ist also vereinfacht gesagt nicht geklärt, was Henne und was Ei ist. Also ob die Polyneuropathie der Grund für eine verringerte Lebenserwartung ist, oder ob die Grunderkrankungen, die die Polyneuropathie verursachen auch für die verringerte Lebenserwartung verantworlich sind.

Körperliche Fitness schützt - trotz Erkrankungen

Weniger Fitness = Höhere Sterblichkeit

Was allerdings ganz klar belegt ist, ist dass Menschen mit höherer Fitness länger und gesünder Leben. Insbersondere wenn man an einer chronischen Krankheit leidet, schützt die körperliche Fitness vor deren Folgen.

In der Abbildung rechts ist das Sterberisiko in Abhängigkeit der körperlichen Leistungsfähigkeit und chronischer Erkrankungen abgebildet. Dabei sehen Sie sogenannte MET (Metabolische Equivalente). 1 MET entspricht dem Energieverbrauch in Ruhe. 8 MET wäre also das achtfache des Energieverbrauchs in Ruhe. Das entspricht zum Beispiel gehen mit 8 km/h.

Menschen, die dies schaffen haben kaum Einschränkungen in ihrer Lebenserwartung, auch wenn Sie an chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck leiden.

Wie Sie in der Abbildung sehen können haben Menschen, die es nicht schaffen, 8 MET zu erreichen ein deutlich höheres relatives Sterberisiko. Wer weniger als 5 MET erreicht, hat ein mehr als doppelt so hohes relatives Sterberisiko wie Menschen, die mehr als 8 MET schaffen.

Körperliche Leistungsfähigkeit erhöht die Lebenserwartung

Wer fitter ist hat besser funktionierende Organe!

Der Grund für die höhere Lebenserwartung fitterer Menschen ist, dass Fitness nichts anderes bedeutet als gut funktionierende Organe.

Um körperlich fit zu sein benötigt man ein gut funktionierendes Herz, eine gesunde Lunge und gute Blutgefäße, um Blut und Sauerstoff zu den Muskeln zu bringen.

Auch das Nervensystem, das die Muskeln passend zur jeweiligen Aufgabe steuert, muss gut funktionieren. Gleichzeitig sind die Knochen fester und brechen nicht so leicht wenn man körperlich fit ist.

Die körperliche Fitness ist also nichts anderes als ein Ausdruck gut funktionierender Organe und damit guter Gesundheit. Das gilt insbesondere im höheren Lebensalter.

Bessere Fitness bedeutet besser funktionierende Organe!

Körperliche Aktivität fällt mit Polyneuropathie schwerer

Wir sehen also, dass fitte Menschen auch eine höhere Lebenserwartung haben. Man kann also damit rechnen, dass eine bessere körperliche Fitness die Lebenserwartung auch trotz Polyneuropathie verbessert.

Nun ist es natürlich schwerer, sich fit zu halten wenn man an Polyneuropathie leidet. Denn wenn man bei jedem Schritt Schmerzen hat oder Probleme das Gleichgewicht zu halten, kann man natürlich nicht so einfach trainieren wie jemand ohne Einschränkungen.

Deshalb gehe ich davon aus, dass die verringerte Lebenserwartung der Menschen mit Polyneuropathie, insbesondere daher rührt, dass diese Menschen körperlich weniger aktiv und deshalb weniger fit waren. Dadurch funktionierten die Organe schlechter, es kam zu mehr Herzinfarkten, Schlaganfällen und Stürzen sowie anderen Problemen aufgrund des Bewegungsmangels.

 

Körperliche Fitness erhöht die Lebensqualität

Es geht aber nicht nur darum, die Lebenserwartung trotz Polyneuropathie zu steigern. Mindestens genauso wichtig ist es, die LEBENSQUALITÄT zu erhalten. Und auch hier spielt die körperliche Fitness eine sehr wichtige Rolle.

Denn wer körperlich fitter ist kann sich mehr zutrauen und mehr unternehmen als jemand der schon bei einfachen alltäglichen Dingen Schwierigkeiten hat.

Wer körperlich fit ist hat zum Beispiel keine Probleme damit, Treppen zu steigen oder Einkäufe zu tragen. Das macht das Leben leichter und ermöglicht mehr Aktivitäten die Spaß machen.

Sich körperlich fit zu halten ist also keine reine gesundheitliche Frage. Es geht nicht nur darum, möglichst lange zu leben. Es geht ganz konkret darum angenehmer zu leben.

Man kann sich auch mit Polyneuropathie fit halten!

Wer trotzdem aktiv bleibt profitiert umso mehr

Sie sehen also, dass es gerade mit Polyneuropathie wichtig ist, trotzdem aktiv zu bleiben.

Dass man im Alltag weniger aktiv ist, weil die Krankheit das Leben einfach schwerer macht liegt auf der Hand. Deshalb ist es wichtig, sich Routinen zu schaffen um dennoch aktiv zu bleiben.

Wenn man zum Beispiel an zwei Tagen in der Woche ein Training durchführt kann man schon sehr viel erreichen.

Wichtig ist es, eine gute Mischung aus Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining zu wählen. Wer Kraft und Ausdauer trainiert, hält damit unter anderem Herz, Muskeln und Knochen gesund.

Sehr wichtig ist gerade bei Polyneuropathie aber auch das Training der Koordination.

Das Nervensystem trainieren

Denn das Training der Koordination richtet sich direkt an das Nervensystem. Das Nervensystem kann durch gezieltes Koordinationstraining lernen, die Schäden die durch die Polyneuropathie entstehen auszugleichen.

Dadurch schützt man sich vor Stürzen und verbessert die Sicherheit beim Gehen. Gleichzeitig haben aber auch einige Studien gezeigt, dass Patienten mit Polyneuropathie durch Koordinationstraining weniger Schmerzen hatten (Hier eine Beispielstudie: Duregon et al. 2018).

Übungen für zu Hause

Mehr Informationen und spezielle Übungen für das Koordinationstraining bei Polyneuropathie finden Sie auf meiner Seite "Übungen bei Polyneuropathie".

Dort finden Sie zahlreiche Übungen sowie alle wichtigen Informationen zum Training. Übrigens können Sie das Training problemlos selbständig zu Hause durchführen.


Christian Bitzer