Sauerstoff hilft gegen Polyneuropathie
Diese Methode scheint geschädigte Nerven zu heilen
Sehr häufig wird Patienten mit Polyneuropathie gesagt, es gäbe nichts, das gegen die Erkrankung hilft. Heute möchte ich aber eine Behandlungsmethode vorstellen, die doch gegen Polyneuropathie zu helfen scheint, indem sie eine Regeneration der Nerven bewirkt. Für diese Methode benötigt man allerdings die Hilfe von Spezialisten. Es handelt sich um die Hyperbare Sauerstofftherapie.
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Normalerweise ist die Sauerstoffaufnahme des Körpers begrenzt
Die spezielle Art der Sauerstoffbehandlung die ich in diesem Artikel vorstellen möchte ist die sogenannte Hyperbare Sauerstofftherapie. Das heißt, dass man unter erhöhtem Umgebungsdruck Sauerstoff einatmet. Unter Normalbedingungen atmen wir Luft mit 21% Sauerstoff ein und unser Körper nimmt davon lediglich 5% auf, sodass wir Luft mit 16% Sauerstoff ausatmen. Auch wenn man reinen Sauerstoff einatmet gelangt nicht sehr viel mehr Sauerstoff in unser Blut. Denn das Blut kann den Sauerstoff nur transportieren, indem es ihn an rote Blutkörperchen bindet. Wenn diese voll sind, dann kann man nicht mehr Sauerstoff aufnehmen, auch wenn man eben reinen Sauerstoff einatmet. Man kann sich aber ein physikalisches Gesetz zunutze machen. Und zwar, dass Flüssigkeiten mehr Gas lösen können, wenn sie unter Druck stehen. Wir alle kennen das von Sprudelflaschen. Wenn eine geschlossene Flasche mit Kohlensäurehaltigem Wasser geschüttelt wird, dann passiert erstmal nichts. Wenn man die Flasche aber öffnet, dann löst sich die Kohlensäure aus der Flüssigkeit und sprudelt heraus. Wenn man den Deckel wieder schließt, dann hört es aber auch auf zu sprudeln. Eben weil sich der Druck in der Flasche wieder erhöht, sodass das Gas gelöst bleibt.
Unter Druck kann der Körper viel mehr Sauerstoff aufnehmen
Genau diesen Effekt kann man sich zunutze machen, indem man sich in eine Druckkammer begibt und dort reinen Sauerstoff atmet. Der Sauerstoff wird dann direkt im Blut gelöst. Er muss also nicht mehr an die roten Blutkörperchen gebunden werden, sondern löst sich direkt in der Flüssigkeit des Bluts. Dadurch kann man bis zu zwanzig Mal mehr Sauerstoff ins Blut bringen wie unter Normalbedingungen. Das heißt, man kann Sauerstoff an Stellen bringen, die zu wenig durchblutet werden.
Das spielt insbesondere bei Diabetischer Polyneuropathie eine Rolle. Bei Diabetes werden Blutgefäße geschädigt. Insbesondere die sehr kleinen Blutgefäße, die die Nerven versorgen nehmen dabei Schaden. Deshalb werden die Nerven nicht mehr ausreichend versorgt und die Polyneuropathie entwickelt sich. Das ist einer der Gründe, warum diabetische Polyneuropathie sich durch Hyperbare Sauerstofftherapie verbessert. Es gibt Studien, in denen beobachtet wurde, dass sich die Nerven bei diabetischer Polyneuropathie zumindest teilweise regenerieren und ihre Funktion zurückgewinnen, wenn man hyperbare Sauerstofftherapie anwendet (Weng et al. 2024).
Hyperbarer Sauerstoff lässt neue Blutgefäße wachsen
Das ist aber nicht die einzige Art, wie hyperbare Sauerstofftherapie bei Polyneuropathie helfen kann. Und sie hilft auch nicht nur bei diabetischer Polyneuropathie. Ein weiterer Mechanismus ist, dass sich nach hyperbarer Sauerstofftherapie mehr Blutgefäße bilden. Dadurch erhalten die Nerven nicht nur kurzfristig mehr Sauerstoff, sondern durch die neugebildeten Blugefäße werden sie dauerhaft besser versorgt.
Hyperbarer Sauerstoff schützt Nerven vor Schäden
Auch das ist aber noch nicht alles: die Signale, die im Körper das Wachstum neuer Blutgefäße auslösen, bewirken auch eine Schutzfunktion von Nerven und lassen sogar neue Nerven wachsen. Denn alles, was gut für Blutgefäße ist, ist auch gut für Nerven. Deshalb schützt die hyperbare Sauerstofftherapie die Nerven vor der Verschlimmerung der Polyneuropathie.
Hyperbarer Sauerstoff hilft dem Nervensystem, sich an die Polyneruopathie anzupassen
Gleichzeitig hilft sie dem Körper aber auch, sich an die Veränderungen aufgrund der Polyneuropathie anzupassen. Durch gezieltes Training ist es möglich, Anpassungen im Gehirn auszulösen, die dabei helfen, sich trotz der Polyneuropathie besser bewegen zu können und Schmerzen zu reduzieren. Eine Anleitung dazu finden Sie hier: Übungen bei Polyneuropathie. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Training wirksamer ist, wenn man es gemeinsam mit der hyperbaren Sauerstofftherapie anwendet, eben weil sich das Nervensystem dann besser und schneller anpassen kann. Das heißt, wenn man hyperbare Sauerstrofftherapie gemeinsam mit gezieltem Training anwendet, dann verbessert sich die Funktion des Nervensystems, die Nerven werden vor weiteren Schäden geschützt und bei manchen Formen der Polyneuropathie regenerieren sich die Nerven sogar. Solche Effekte sind auch die Gründe dafür, dass hyperbare Sauerstofftherapie nach Schlaganfällen und selbst bei manchen Arten der Demenz helfen kann. Mehr zum Training bei Polyneuropathie finden Sie im folgenden Video:
Hyperbarer Sauerstoff kann Entzündungen reduzieren
Hyperbare Sauerstofftherapie hilft aber noch auf weitere Arten gegen Polyneuropathie. In den letzten Jahren erschienen Studien, die zeigten, dass fast alle Arten der Polyneuropathie von chronischen Entzündungen begünstigt werden. Ein Video in dem ich diesen Zusammenhang genauer beschreibe verlinke ich unter diesem Video. Wenn der Körper dauerhaft zu Entzündungen neigt, dann entwickelt sich Polyneuropathie häufiger, sie wird schlimmer, sie verursacht häufiger und schlimmere Schmerzen und sie schreitet schneller fort. Wenn man die chronische Entzündlichkeit reduziert, dann bremst man deshalb auch die Polyneuropathie aus. Durch hyperbare Sauerstofftherapie werden chronische Entzündungen verringert. Man kann deshalb davon ausgehen, dass dieser Mechanismus dabei hilft, die Polyneuropathie positiv zu beeinflussen. Übrigens gibt es eine weitere Methode um Entzündungen zu reduzieren: Die richtige Ernährung und Bewegung. Sie reduzieren ebenfalls Entzündungen und helfen dadurch gegen Polyneuropathie. Mehr dazu erfahren Sie im folgenden Video:
Hyperbarer Sauerstoff hilft bei Vergiftungen und Borreliose
Hyperbare Sauerstofftherapie bewirkt aber außerdem, dass Schwellungen der Nerven reduziert werden und dass sich der Stoffwechsel der Nervenzellen verbessert. Deshalb kann die hyperbare Sauerstofftherapie auch bei Polyneuropathien, die aufgrund von Vergiftungen oder Chemotherapie entstehen helfen. Ein weitere Mechanismus ist, dass manche Bakterien von hyperbarem Sauerstoff getötet werden. Das gilt insbesondere für sogenannte Anaerobier, also Bakterien, deren Stoffwechsel ohne Sauerstoff funktioniert. Man kann deshalb vermuten, dass auch bei Polyneuropathien, die von Infektionen mit solchen Bakterien ausgelöst werden die hyperbare Sauerstofftherapie hilft.
Wie man Hyperbare Sauerstofftherapie anwendet
Hyperbarer Sauerstoff ist also eine vielversprechende Möglichkeit, Polyneuropathie zu behandeln. Diese Methode hat also sehr viel Potenzial, um die Beschwerden zumindest etwas zu lindern und bei leichten Formen der Polyneuropathie vielleicht sogar zum Normalzustand zurückzugelangen. Wie kann man die hyperbare Sauerstofftherapie also anwenden? Die Anwendung der hyperbaren Sauerstofftherapie besteht darin, dass man sich für eine Dauer von ein bis zwei Stunden in eine Druckkammer setzt. Der Druck wird dann in der Regel so eingestellt, wie wenn man in 10m Wassertiefe tauchen würde. Unter diesem Druck atmet man dann reinen Sauerstoff. Man bleibt für ein bis zwei Stunden unter Druck. Und mehr muss man als Patient nicht tun. Ich vermute, dass es sinnvoll wäre, in der Druckkammer oder direkt nachdem man darin war Übungen speziell gegen Polyneuropathie zu machen, wie ich sie im Artikel Übungen bei Polyneuropathie empfehle. Allerdings ist es bereits wirkungsvoll, einfach nur in der Kammer zu sitzen. Das ist dann die ganze Behandlung. Man muss nur dasitzen und atmen.
Die Behandlung muss häufig durchgeführt werden
Allerdings muss man diese Behandlung häufig wiederholen. Man sollte mindestens zwanzig Anwendungen durchführen, um eine große Wirkung zu erhalten. Leider ist es schwierig, eine Druckkammer zu finden. Zur Anwendung dieser Therapie benötigt man eine Druckkammer mit einer entsprechenden Ausstattung um reinen Sauerstoff atmen zu können und insbesondere braucht man viel Platz und geschultes Personaal. Das ist leider sehr aufwendig und teuer. Ich habe mir zwar selbst eine Druckkammer angeschafft. Allerdings wende ich sie noch nicht mit Patienten an, weil das für eine kleine Praxis schwer zu leisten ist. Leider gibt es deshalb in Deutschland sehr wenige Druckkammern. In Italien und Frankreich ist hyperbare Sauerstofftherapie eine Kassenleistung und es gibt überall solche Druckkammern. In Deutschland werden die Kosten leider schon seit langem von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr übernommen, obwohl ihre Wirkung ganz klar durch harte Wissenschaft nachgewiesen ist. Das hat dazu geführt, dass sich die Druckkammern oft nicht mehr lohnen und es immer weniger davon gibt. Es gibt aber schon noch Druckkammern, man muss nur etwas suchen. Falls sie aus der Stuttgarter Gegend kommen, kann ich das Druckkammerzentrum Ludwigsburg empfehlen. Das Personal dort ist gut geschult und sehr freundlich. Für geseztlich Versicherte, die die Therapie selbst bezahlen müssen ist die Anwendung leider auch sehr teuer. Ich hoffe, dass ich mit diesem Video einen Beitrag dafür leiste, zumindest mehr Aufmerksamkeit für die hyperbare Sauerstofftherapie zu erregen, sodass sie hoffentlich wieder mehr angewandt wird. Denn die Wirkungen sind wirklich wirklich beeindruckend.
Falls Sie eine schmerzhafte Art der Polyneuropathie haben empfehle ich Ihnen folgenden Artikel:
Schmerzen bei Polyneuropathie und was Sie dagegen tun können
