Können Übungen die Polyneuropathie verschlimmern
Hin und wieder erhalte ich Anfragen von Menschen, die an Polyneuropathie leiden und mir berichten, sie hätten nach meinem System trainiert, jetzt könnten sie aber schlechter gehen als vorher. Im Gespräch stellt sich dafür meistens dieselbe Ursache heraus. In diesem Artikel möchte ich sie Ihnen erklären, damit Sie sie selbst vermeiden können.
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Kann Polyneuropathie durch Übungen schlimmer werden?
Die wichtigste Frage ist: Kann man eine Krankheit wie Polyneuropathie durch Übungen schlimmer zu machen? Insbesondere durch recht einfache Übungen für das Gleichgewicht oder die Kraft. Damit das passieren würde müssten Nerven geschädigt werden. Man müsste also Übungen machen, die Nervenschäden auslösen oder verschlimmern.
Ich kann Sie beruhigen, einen Schaden an den Nerven durch normale Übungen auszulösen, ist praktisch unmöglich. Dennoch gibt es hin und wieder den Fall, dass Betroffene, nachdem sie einige Tage geübt haben, schlechter gehen können als vorher.
Die Regeneration ist genauso wichtig wie die Übungen
Wenn ich nachfrage, wie genau denn geübt wurde, ist die Antwort häufig: „Ich mache Ihre Übungen dreimal am Tag.“ Oder: „Morgens gehe ich 2–3 km zu Fuß, mache dann Ihre Übungen und wiederhole die Übungen abends noch einmal.“ Die Lösung des Problems ist dann nicht in Veränderunge der Polyneuropathie zu finden, sie ist viel einfacher. Wer sich mit Training auskennt, hat sie wahrscheinlich bereits erraten: Es wurde zu viel geübt.
Körperliche Übungen und Training sind ein Stressreiz für unseren Körper. Unmittelbar nach dem Training ist man deshalb weniger leistungsfähig als vorher. Die Verbesserung entsteht erst in der Regenerationsphase nach dem Training. Wenn man zu früh erneut trainiert, wird man nicht besser, sondern schlechter. Deshalb sollte man lange genug warten, bevor man erneut trainiert. Natürlich sollte man aber auch nicht zu lange warten. Was ist also das richtige Maß?
Es kommt hauptsächlich auf drei Faktoren an:
1. Welche Art des Trainings haben Sie gemacht – also zum Beispiel Kraft-, Ausdauer- oder Gleichgewichtstraining
Nach Kraft- und Ausdauertraining benötigt man eine relativ lange Erholungsphase von 24–72 Stunden. Nach Gleichgewichtstraining erholt man sich sehr schnell. Wenn man die Übungen bereits gewohnt ist oder jung und sportlich ist, kann man sie mehrmals täglich machen. Aber Achtung: Wenn die Übungen für Sie komplett neu sind und Sie bisher nicht häufig Sport gemacht haben, dann warten Sie auch nach Übungen für das Gleichgewicht 24 Stunden ab, bevor Sie erneut Üben. Wenn Sie Krafttraining mit BFR betreiben (mehr dazu hier: Ein neues Training für die Nerven?), dann ist die Regenerationszeit in der Regel kürzer als bei normalem Krafttraining.
2. Wie anstrengend war das Training
Selbstverständlich erholt man sich schneller von einem lockeren Training als von einem extrem anstrengenden Training. Ich selbst hatte bereits mit 20 Jahren häufig für 5 Tage Muskelkater, nach meinem Marathon mit 23 Jahren sogar für eine Woche. Schätzen Sie selbst ein, wie sehr Sie sich angestrengt haben, und verlängern Sie nach einem sehr anstrengenden Training die Erholungsphase dementsprechend, bedenken Sie gegebenenfalls, dass die Regeneration in höherem Alter etwas langsamer abläuft als in der Jugend.
3. Wie trainiert Sie sind
Jeder, der einmal regelmäßig Sport gemacht hat, weiß, dass man beim ersten Training nach der Sommer- oder Weihnachtspause mehr Muskelkater hat als normal. Wenn Sie seit Jahren oder Jahrzehnten kein regelmäßiges Training gemacht haben, dann rechnen Sie nach dem ersten Training eine besonders lange Erholungspause ein. Warten Sie nach dem ersten Gleichgewichtstraining also 24 Stunden, nach dem ersten Krafttraining mindestens 48 Stunden ab.
Hören Sie auf Ihren Körper und dokumentieren Sie das Training
Die besten Methoden, um Überlastung zu vermeiden, sind das Training zu dokumentieren und auf den eigenen Körper zu hören. Indem man aufschreibt, welche Übungen man mit welcher Leistung absolviert hat, kann man sehen, ob man sich verbessert. In der Regel wird man von Training zu Training ein kleines bisschen besser oder bleibt wenigstens gleich. Wenn man sich verschlechtert, ist das ein Hinweis darauf, dass man zu viel gemacht hat. Trainingspläne und Tabellen zur Dokumentation finden Sie in meinem Buch „Bewegung bei Polyneuropathie“.
Achten Sie aber darauf, wie sich Ihr Körper anfühlt. Spüren Sie Muskelkater oder ungewöhliche Müdigkeit? Dann warten Sie mit dem Training noch ab. Ausgeprägte Müdigkeit am Tag nach dem Training ist ebenfalls ein Zeichen dafür, dass die Erholungsphase zu kurz war.
Unterstützen Sie die Regeneration
Bei Polyneuropathie sind Muskeln häufig bereits vor einem Training überlastet. Insbesondere die Muskeln im Unterschenkel und Fuß sind davon häufig betroffen. Es ist deshalb sehr wichtig, die Muskeln zu entspannen und bei der Regeneration zu unterstützen. Um die Muskeln zu entspannen, sind Massage und Dehnung sehr hilfreich. Eine Anleitung dazu finden Sie in meinem Buch „Fußschmerzen selbst behandeln“ und im folgenden Artikel: Massage bei Polyneuropathie.
Wärme hilft bei der Regeneration
Die Regeneration der Muskeln lässt sich außerdem durch Wärme beschleunigen. Das gilt vor allem nach Kraft- oder Ausdauertraining. Wenn man eine Wärmflasche auf die Muskeln legt, die man trainiert hat, erholen sie sich schneller, denn die biochemischen Reaktionen im Körper werden durch Wärme beschleunigt und die Durchblutung verbessert. Ideal sind Temperaturen zwischen 38 und 40 Grad. Auch Saunagänge können die Regeneration unterstützen, wenn man nicht zu lange und nicht zu heiß sauniert.


