Kleiner Trick, große Wirkung bei Chemotherapie

Wir wollen Patienten helfen mit der Chemotherapie – schaden ihnen aber leider oft unabsichtlich und unvermeidlich: Die Chemotherapie hat schwere Nebenwirkungen, eine davon ist die Polyneuropathie (PNP). Jetzt aber zeigt eine Studie: Es könnte eine einfache, risikolose, kostengünstige Möglichkeit geben, das Auftreten von PNP um über die Hälfte zu reduzieren. Das entscheidende Hilfsmittel kostet bloß ein paar Cent …

Taubheitsgefühl in Händen und Füßen, Missempfindungen, Nervenstörungen, Schmerzen, Störungen der Feinmotorik und des Gleichgewichts – leider nur allzu bekannte PNP-Symptome. Man möchte seinen Patientinnen und Patienten helfen, kann aber nicht. Bislang.

Verblüffende Hilfe

Denn jetzt zeigt eine japanische Studie unter Federführung von Shigeru Psuyuki vom Red Cross Hospital in Osaka eine so verblüffend einfache wie wirksame Lösung: Handschuhe. Nein, keine technisch hochgerüsteten, volldigitalisierten Handschuhe 4.0, sondern ganz normale OP-Handschuhe für ein paar Cent das Paar.

90 Minuten, erstaunlicher Effekt

Die japanischen Wissenschaftler ließen ihre Probanden bei der Verabreichung des Wirkstoffes die OP-Handschuhe tragen. Und zwar angefangen 30 Minuten vor Gabe des Therapeutikums, während der 30 Minuten der Verabreichung und 30 Minuten danach. Insgesamt also lediglich 90 Minuten für einen überraschenden, ungeahnt großen Effekt.

Der Trick dabei

Weil sich jetzt natürlich jede(r), fragt, weshalb simple Handschuhe PNP verhindern können: Es war ein Trick dabei. Die Patientinnen und Patienten trugen keine Handschuhe ihrer Größe, sondern eine Nummer kleiner. Und sie trugen nicht ein Paar, sondern zwei. Spätestens hier erkennt jede erfahrene Pflegekraft das Wirkprinzip dahinter: Kompression. Was natürlich naheliegt, aber was die Wissenschaft durch zusätzliche Studien bestätigen möchte.

Probieren geht über Studieren

Einstweilen kann man bei der Behandlung von Krebspatientinnen und Krebspatienten auf diese weitergehende Abklärung verzichten, denn die Wirkung der simplen Handschuhe in der japanischen Studie war enorm: Das Auftreten von chemotherapie-induzierter PNP sank von 76,1 Prozent auf 21,4 Prozent für sensorische Polyneuropathien und von 57,1 Prozent auf 26,2 Prozent für motorische Polyneuropathien. Das ist umwerfend. Und alles nur wegen ein paar Handschuhen; genauer: wegen zwei Paaren.

Brillantes Design

Wobei das Design der Studie geradezu brillant war, um Konfundierung (verfälschte Ergebnisse) zu vermeiden: Es wurde nicht wie üblich mit einer Testgruppe und einer Kontrollgruppe getestet, sondern viel einfacher: Alle Probanden trugen die Handschuhe nur an einer Hand. Die andere blieb frei – und litt. Für die Betroffenen mag das unangenehm sein, für den Nachweis der Wirksamkeit ist das praktisch ideal.

Zurück zum Wirkprinzip

Die Kompression durch die Handschuhe verringert die Durchblutung: Es wird weniger chemischer Wirkstoff in die Finger gespült und damit die Nerven der Finger auch weniger geschädigt. Um Skepsis zu beschwichtigen: Nein, ein OP-Handschuh, selbst wenn er eine Nummer zu klein und doppelt getragen wird, kann keine menschliche Hand so einschnüren, dass sie Schäden davonträgt. Ganz im Gegenteil. Was ohnehin keine Frage ist, denn: Niemand zwingt Patienten dazu, den Handschuh überzustreifen. Sollte einem Patienten die Kompression unangenehm werden, kann er die Handschuhe jederzeit ablegen. Wichtig ist allein: Es gibt kein Risiko, wenn er und sie die Handschuhe anbehält.

Warum machen das nicht längst alle?

Wenn ein simpler Handschuh so genial wirkt, warum lassen ihn dann nicht sämtliche Kliniken und Praxen anlegen? Weil die japanische Studie in wissenschaftlichen Zeitspannen gerechnet nagelneu ist: Sie wurde erst im September vergangenen Jahres veröffentlich. Wenn Sie der/die Erste in Ihrer Praxis oder auf Ihrer Station sind, der oder die davon erfährt: Sprechen Sie bitte darüber!

Aus einem einfachen Grund: Nur so erfährt der/die Interessierte davon. Das ging auch mir so: Ich bekam den Tipp mit der Studie von Dr. Isabell Pfeiffer, die bei Celgene in München arbeitet. Wer die Studie lesen möchte: Hier geht's zur Studie.

Weitersagen!

Jetzt geht es darum, die frohe Botschaft möglichst schnell möglichst vielen weiterzusagen. Damit kein Mensch unnötig leiden muss. Und damit der Handschuh-Trick in der Praxis erprobt werden kann. Nur so entsteht auch nützliches Feedback, das mich natürlich sehr interessiert. Schreiben Sie mir doch, wie Sie darüber denken und/oder was die Diskussion im KollegInnenkreis ergeben hat: Email


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